Germering/Dachau – Es ist ein sonniger, wundersamer, bayerischer Morgen im Leben der SPD-Chefin. Während Armin Laschet sein Kompetenzteam maximal öffentlichkeitswirksam in Berlin vorstellt, macht Saskia Esken zeitgleich einen Stuhlkreis in Germering, Landkreis Fürstenfeldbruck. Ihr gegenüber sitzen im „Zentrum für Jung & Alt“ ein Gymnasiallehrer, Erzieherinnen und ein männlicher Erzieher, der zur Feier des Tages seine schönste kurze Schlabberhose angezogen hat. Er arbeitet im Kinderhort „Wirbelwind“ und er sagt: „Die Angst der Eltern hat mich während der Pandemie am meisten belastet und auch die Wut der Eltern, die wir abbekommen haben.“
Anderthalb Stunden klagen die Menschen aus sozialen Berufen ihr Leid. Es geht um Kindeswohlgefährdung, Personalmangel und Familien mit Existenzängsten. Esken hört zu, nickt. Alles hochwichtige Themen, keine Frage. Es ist kurz nach 9 Uhr in der Früh und Esken, Mitglied der Parlamentarischen Linken und Mutter dreier Kinder, hat die Ruhe weg. Und das obwohl der Wahlkampf gerade in die heißeste Phase eintritt. Die SPD hat nach Jahrzehnten wieder eine realistische Chance aufs Kanzleramt.
Zeitgleich gibt CSU-Chef Markus Söder eine Pressekonferenz. Er warnt namentlich vor Esken, vor höheren Steuern, höheren Schulden, höherer Arbeitslosigkeit und möglichen Enteignungen, falls die SPD nach der Wahl mit der Linkspartei und den Grünen gemeinsame Sache macht. „Es geht hier nicht um Rote Socken 2.0 oder Rote Socken reloaded“, sagt Söder. Aber natürlich geht es genau darum. „Im Fußball“, sagt der Ministerpräsident, „würde man sagen: Es ist Zeit, über den Kampf ins Spiel zu finden.“
Die CDU- und CSU-Anführer rotieren, sie graben Kriegsbeile aus und sie attackieren. Esken sitzt währenddessen weiter im Stuhlkreis und nickt noch mehr. Man kann es lange gar nicht glauben, dass es sich um einen Wahlkampf-Auftritt handelt. Esken erzählt, dass sie schon lange kein Fleisch mehr isst und lieber mit dem Zug nach Oberbayern gekommen wäre. Aber sie sei dann doch geflogen. Der Streik, Sie wissen schon. Wenn SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz der unangefochtene Kapitän des Schlafwagens ist, dann ist Saskia Esken an diesem Morgen die ranghöchste Beifahrerin. Aber nur bis ganz kurz vor Ende ihres Besuchs in Germering. Plötzlich und ansatzlos sagt sie Sätze wie: „Ich weiß nicht so genau, was die Bundesbildungsministerin beruflich macht.“ Es ist ein Angriff auf CDU-Ministerin Anja Karliczek, die aus Eskens Sicht keinen Schimmer von der Digitalisierung der Schulen hat. Die SPD-Chefin und staatlich geprüfte Informatikerin lässt keinen Zweifel daran, dass sie diesen Schimmer sehr wohl hätte.
Beim Rausgehen wird sie gefragt, was sie von Laschets Kompetenzteam hält. Sie wechselt in den Giftpfeil-Modus. Das Team sei eine weitere Panikreaktion der Union. Die SPD stehe hingegen nicht nur hinter Olaf Scholz, „sondern Olaf Scholz steht mittendrin in der SPD“. Es ist noch gar nicht so lange her, 2019, als Esken Scholz in einer Talkshow absprach, ein „standhafter Sozialdemokrat“ zu sein – der Tiefpunkt der Beziehung.
Die Auferstehung der deutschen Sozialdemokratie kurz vor der Wahl gehört genauso zu den politischen Wundern dieses Jahres wie die Tatsache, dass Scholz seiner Parteichefin inzwischen ein Ministeramt zutraut. Aber im Umfrage-Rausch ist es wie im Liebes-Rausch: Wenn es spitze läuft, verzeiht es sich wie von selbst. Fragen zu persönlichen Ambitionen nach der Wahl weicht sie aber aus.
Dann muss Esken aber los. Sie hat überzogen. In Dachau warten sie schon auf sie. Sie will im Namen des SPD-Parteivorstands einen Kranz in der KZ-Gedenkstätte niederlegen. Als sie ankommt, sagt sie: „Mit 16 war ich das letzte Mal hier, jetzt bin ich 60.“ Karl Freller, der CSU-Landtagsabgeordnete und Direktor der Stiftung bayerische Gedenkstätten, begrüßt sie. „Schön, dass Sie da sind“, sagt er. „Es ist ein wertvoller Besuch.“ So nette Worte hat sie von einem CSU-Mann schon lange nicht mehr gehört. Und wird sie, jede Wette, auch so schnell nicht wieder hören.