„Nel mezzo del cammin di nostra vita“, der erste Vers von Dantes Göttlicher Komödie, ist bis heute in Italien ein geflügeltes und vertrautes Wort. Wenige aber haben seine Werke wirklich gelesen, mit denen der in diesem Monat vor 700 Jahren gestorbene Dichter die Grundlage für die moderne italienische Sprache geschaffen hat, viele Jahrhunderte, bevor Italien zu einem Staat vereinigt wurde…
Für die westliche Kultur gehört Dante in das Pantheon von Homer, Cervantes, Shakespeare und Goethe. Dass sein Konterfei heute auf den in ganz Europa geltenden Euro-Münzen zu sehen ist, hätte dem großen Florentiner vermutlich nicht besonders gefallen. In seine Lebenszeit ( 1265 – 1321 ) fiel der ungeheure wirtschaftliche Aufstieg des Stadtstaates mit dem Siegeszug der Goldmünze „fiorino“. Als Florentiner mit europaweiter Gültigkeit war sie so etwas wie heute der Euro. In einem Wortspiel kritisierte Dante das Geldstück als „il maladetto fiore“ – „die verdammte Goldblume“ des sich entwickelnden Kapitalismus. Auch sonst war der Dichter, von dessen Leben wir nicht wirklich viel wissen, gegenüber der Politik seiner Stadt wohl eher ein kritischer Moralist. Im Streit zwischen päpstlichem und kaiserlichem Einfluss stand er auf Seiten des Kaisers. Seine geliebte „Beatrice“ ist vermutlich eher eine dichterische Erfindung in der Tradition der Troubadoure. Jedenfalls hat er Florenz verlassen (müssen?). Weil er auch die Rückkehr verweigerte, wurde er mit anderen Gesinnungsgenossen 1315 „in absentia“ sogar zum Tode verurteilt.
Dass dieses Urteil wohl erst in diesem Dante-Jahr offiziell aufgehoben werden soll, passt zu der gebrochenen Beziehung Italiens zum größten Dichter: „Wir feiern Dante. Aber wir hören nicht auf ihn.“ Die Göttliche Komödie enthält das gesamte antike und alteuropäische Wissen. Sie kennt keinen großen Helden wie Parceval oder Lancelot, sondern einen vorausweisend modernen Mann. Der Dichter der Aeneis, Vergil, war Dantes großes Vorbild. Er führt ihn in drei Büchern vom „Inferno“ über das „Purgatorium“ zum „Paradiso“. Schrecklich sind die Höllenqualen, die Dante sich ausmalt. Kriegstreiber waten in kochendem Blut, Schmeichler müssen schwimmen in Exkrementen. Der Erzbischof von Pisa ist zusammengepfercht in einem Käfig mit seinem Feind, den er verhungern ließ. Die es schaffen, in der Lektüre vom „Inferno“ mit aufzusteigen, finden Dantes schönste Verse in seinem „Purgatorium“. Berühmt ist der Gruß, den er bekommt von seinem Freund, dem Sänger Casella, mit dem großen Liebeswort: „Wie ich im Leib, der sterblich war, Dich liebte, lieb ich von ihm getrennt Dich noch.“ Am Ende zum Paradies mag der „Heide“ Vergil nicht mehr mitkommen. Denn das Paradies steht über aller Vernunft. Es ist nur denen zugänglich , die auch glauben. Dieser Glaube kann verloren gehen – in dem Wald, in dem man sich verirrt hat in der Mitte des Lebens. In das Buch „Paradiso“ aber pflanzt Dante dazu am Ende des Gedichtes die Hoffnung – eine zweite Chance für unendliche Freude.
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