Tief im Osten

von Redaktion

Noch sind die Infektionszahlen niedrig, doch die geringe Impfquote könnte das bald ändern

München – Auf den ersten Blick sehen die Zahlen wenig beunruhigend aus. Bundesweit weist die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell ein West-Ost-Gefälle auf, mit klarem Vorteil für die östlichen Länder. Sie haben die fünf niedrigsten Werte. Sachsen-Anhalt steht mit 25 am besten da, Brandenburg und Thüringen kommen auf 38, der Rest liegt dazwischen. Zum Vergleich: Auf das ganze Land bezogen haben sich vergangene Woche knapp 83 Personen pro 100 000 Einwohner mit dem Coronavirus infiziert.

Die erfreulichen Zahlen sind allerdings trügerisch. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gehören in der Corona-Statistik zu den Ländern mit den aktuell höchsten Zuwächsen. Hält der Trend an, könnten die Werte schon in zwei Wochen über die 50er-Marke schnellen. Und zu befürchten ist, dass das erst der Anfang einer unschönen Entwicklung wäre.

Der Virologe Christian Drosten hat sich mit seinem Podcast gerade aus der Sommerpause zurückgemeldet, und sein wichtigster Appell war der gleiche wie vor den Ferien. Wer noch nicht geimpft sei, solle das schleunigst nachholen. Das zielt speziell auf den Osten. Hier sind die Impfquoten besonders niedrig. Schlusslicht Sachsen, wo 52,6 Prozent der Bevölkerung vollständig immunisiert sind, liegt fast 20 Punkte hinter Spitzenreiter Bremen (71,5). Auch Brandenburg (55,6), Thüringen (56,5) und Sachsen-Anhalt (58,4) rangieren deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 61,4, Mecklenburg-Vorpommern (60,0) ein bisschen.

Marco Wanderwitz (CDU), der Ostbeauftragte der Bundesregierung, befasste sich schon Mitte August mit dem Gefälle und sah eine Ursache in den politischen Verhältnissen. „Es gibt zwischen der Zustimmung für die AfD und Impfablehnung einen klaren Zusammenhang“, sagte er der „Funke Mediengruppe“. Auch die Technische Universität Dresden kommt in ihrer Studie „Covid-19 in Sachsen“ zu diesem Ergebnis. „Jene Sächsinnen und Sachsen, die sich selbst rechts der Mitte verorten oder der AfD zuneigen“, seien „weit häufiger der Auffassung, sich selbst ,eher nicht’ oder ,auf gar keinen Fall’ impfen zu lassen“. Sogar auf regionaler Ebene gebe es Zusammenhänge zwischen Impfquote und AfD-Beliebtheit.

Andere Experten sind zurückhaltender. Bei den niedrigen Impfwerten spielten auch das Pendeln oder die Infrastruktur eine Rolle, sagt ein Ärztevertreter. Der Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg verweist auf das Vertrauen in die Sicherheit der Vakzine, das im Westen deutlich robuster sei. Sachsens Sozialministerium wiederum glaubt, dass die niedrigen Inzidenzen des Sommers ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermittelten.

Das kann sich jedoch rasch ändern. Vergangene Woche endeten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen die Sommerferien. In anderen Bundesländern markierte dieser Termin einen deutlichen Anstieg der Infektionszahlen, bedingt durch Urlauber und Menschen, die aus ihrer Heimat zurückkehrten. Sollte dieser Trend sich im Osten wiederholen, könnte der Herbst gerade dort ungemütlich werden. Schreyögg ist sich sicher: Man sehe nun „primär eine Inzidenz der Ungeimpften“. MARC BEYER

Artikel 1 von 11