CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER
Die Briefwahl läuft, die Umfragewerte sind desaströs, die Union betet um ein Trendwende-Wunder. Da klingt es passend, den CSU-Parteitag (und das Kanzler-Triell am Sonntag) zum „Wochenende der Wahrheit“ auszurufen. Mit Wahrheit hat allerdings zumindest das Spektakel auf dem Parteitag in Nürnberg wenig zu tun. Da geht es mehr um Selbstbeherrschung und Schauspielkunst.
Das beginnt bei Markus Söders Wiederwahl. Ob mit 85 oder 95 Prozent, hat null Aussagekraft. Kurz vor der Bundestagswahl sind viele Delegierte klug genug, eine ehrliche Abrechnung und damit Schlagzeilen von Selbstzerfleischung zu meiden. Die Partei ist trotzdem aufgewühlt. Nicht weil Söder alles falsch machte; in der Corona-Politik sogar sehr viel richtig. Mit drastischen Maßnahmen und extrem viel Staat ist er aber angeeckt in einer hochpolarisierten Gesellschaft. Dann die Erneuerung, die er Teilen der CSU aufgezwungen hat, dazu das nicht eingelöste Versprechen, die Politik stärker im Team zu prägen. Die CSU ist Alleinherrscher gewöhnt, aber sie dürfen in Umfragen nicht dauerhaft auf einen halben Stoiber oder einen zweidrittel Seehofer sacken.
Der Parteitag in seiner Heimat wird Söder noch schonen. Spannender dürfte der Auftritt des Kanzlerkandidaten werden. Natürlich trägt Armin Laschet Hauptlast und Hauptschuld an den miesen Unionswerten. Er versprach viel und lieferte wenig. Mit zusammengebissenen Zähnen werden die CSU-Leute irgendwas von Schulterschluss murmeln, und er wird für Unterstützung danken, die er nie bekam. Wissend: Die Abrechnung naht. Am Wahlabend, 18 Uhr, wird in der Union einiges losbrechen.
Christian.Deutschlaender@ovb.net