„Keinen Bock auf Opposition“

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Nürnberg/München – Er lächelt nicht, er zuckt nicht, er nimmt das Ergebnis weitgehend reglos hin. Was auch sonst, für große Emotionen sind die 87,6 Prozent nicht geeignet. Markus Söder greift also zum Mikrofon, erhebt sich und dankt knapp. Soeben hat ihn seine Partei als Chef bestätigt. Nach seiner Rede hätte man mehr erwarten können, nach der allgemeinen Stimmung weniger. Die Umstehenden in der ersten Reihe setzen ihre Passt-schon-Gesichter auf.

Ja, es steckt viel Disziplin in dem Ergebnis auf dem Nürnberger Parteitag. Das zeigt auch die interne Vorbesprechung der oberbayerischen Delegierten um Ilse Aigner. „Wir stehen unter Beobachtung“, wird dort gewarnt. Und die Co-Spitzenkandidatin Dorothee Bär aus Unterfranken bittet, es möge sich keiner „von irgendwelchen Meldungen die Laune verderben lassen“. Irgendwelche Meldungen, das ist eine verniedlichende Beschreibung der Umfragen: Auf 28, 29 Prozent ist die CSU in Bayern abgesackt, historisch mies.

Söder weiß, dass er eine wuchtige Rede braucht, um gegen die sinkende Laune anzukommen. Er versucht, die Partei zu packen, die Wähler aufzurütteln. „Wir werden den Linken zeigen, dass wir noch nicht aufgegeben haben“, ruft er in den Saal. Und: „Ich habe keinen Bock auf Opposition.“ Auf seinen Redezettel hat sich Söder in Großbuchstaben „ERNST“ gekritzelt. Er hält sich daran, weniger flockige Sprüche als sonst, sogar Krawatte trägt er. Und „Erdrutsch“ steht am Zettel, denn immer wieder warnt er die „lieben Freundinnen und Freunde“ vor einem Linksbündnis.

Der Beifall zeigt früh, dass Söder damit über den Parteitag kommt, trotz allen Murrens in vielen Winkeln der CSU. Die Delegierten wählen ihn, und dass einige Fäuste unterm Tisch geballt sind, kann man nur erahnen.

Söder zieht dafür viele Register, die er bei Reden und online in den letzten Monaten probiert hat. Er streichelt die Stammwähler: Bauern, Handwerker, Polizisten, Leberkäs-Etage, das war auch nicht immer so bei ihm. In 70 Minuten hat er praktisch jede Interessengruppe irgendwo angesprochen. Er sprüht Dank in jeden Winkel der Partei, am Ende sogar an Horst Seehofer (abwesend) und Erwin Huber, nicht gerade innigste Freunde. Und testet Neues, von dem er ahnt, dass es populär ist: Söder verspottet die Vorschriften zum Gendern, die „Islamist:innen“ und die Sternchen-Sprache. Da johlt der Messesaal.

Corona nimmt diesmal weniger Raum ein. Der Parteichef und Ministerpräsident verteidigt seinen Kurs knapp; die harte Linie bis Sommer, die Lockerungen seither. Im „Team Vorsicht“ sei er, nicht „Team stur“. Er grenzt die CSU scharf ab von Corona-Leugnern, verspottet die als „Schamanen“. Und greift die AfD an. „Sind sie die Marionetten der Querdenker – oder ihre Puppenspieler?“ Söder verliest auch wieder die übelsten Hassbotschaften und Todesdrohungen, die ihm zugesandt wurden, obszön, vulgär, blutig. Still ist es in diesem Moment, die Delegierten sind spürbar erschrocken. Söders Subtext: All das nehme ich hin im Einsatz für Bayern.

Das nächste heikle Manöver des Parteitags folgt am Samstagvormittag: der Auftritt des Kanzlerkandidaten, und der heißt ja nicht Söder. Armin Laschet hat ein Auswärtsspiel vor mäßig freundlich gesinntem Publikum vor sich. Viele in der Halle halten ihn für eine Fehlbesetzung, doch die CSU macht an diesem Freitag den Eindruck, sich zusammenreißen zu wollen. Die Parteispitze setzt neue Spitzen aus. „Wir wollen Armin Laschet als Kanzler haben“, sagt Söder, die Delegierten klatschen lang. Er lobt Laschet mit kaum einem Wort, aber bittet um einen „tollen Empfang“.

Sogar Generalsekretär Markus Blume muss auf offener Bühne zurückrudern für seine Aussage vom Vortag, mit einem Kandidaten Söder stünde man besser da. Manchmal rede er „vielleicht etwas zu deutlich“, sagt Blume. Man darf davon ausgehen, dass ihn sein Vorsitzender zu diesem Satz nötigte. Und dass die Deutlichkeit schon wiederkommen wird.

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