Afghanistan: Hat Joe Biden alle Warnungen ignoriert?

von Redaktion

Anhörung zum Chaos-Abzug: Generäle haben dem Präsidenten empfohlen, 2500 Männer am Hindukusch zu lassen

Washington – Handelte Präsident Joe Biden beim überstürzten Afghanistan-Abzug gegen den Rat des Militärs? Bei der Kongress-Aufarbeitung zum chaotischen Truppenabzug haben Top-Generäle des US-Militärs den Präsidenten in Bedrängnis gebracht. Vor einigen Wochen erklärte Biden öffentlich, dass ihn niemand vor einem schnellen Totalabzug gewarnt hätte. Laut Aussage der US-Generäle stimmt das allerdings nicht.

Biden hatte am 19. August in einem Fernseh-Interview den Abzug der Truppen gerechtfertigt: Keiner seiner militärischen Berater habe ihm – soweit er sich erinnern kann – geraten, eine Truppe von mindestens 2500 Soldaten in Afghanistan zu lassen. Gleichzeitig hatte Biden betont, niemand habe absehen können, dass die afghanische Regierung so schnell kollabiert. Er habe nur die Möglichkeit gehabt, entweder den Vertrag seines Vorgängers Donald Trump mit den Taliban zu einem Totalabzug zu erfüllen oder „zehntausende zusätzliche Soldaten“ an den Hindukusch zu schicken.

Die US-Generäle haben aber nun vor dem Senat berichtet, dass sie sehr wohl vor einem zu schnellen Truppenabzug gewarnt hatten: Jede Reduzierung unter 2500 Mann würde die Regierung in Kabul in Gefahr bringen, sagte General Kenneth McKenzie, Befehlshaber des US-Zentralkommandos. Auch Generalstabschef Mark Milley bestätigte vor dem Senat, er habe die Strategie für eine Mindesttruppe von 2500 Soldaten geteilt. Er habe bereits im Herbst 2020 vor einem zu schnellen Abzug gewarnt. Weder McKenzie noch Milley wollten sich dazu äußern, was sie dem Präsidenten im vertraulichen Gespräch geraten hätten. Biden habe sich aber nicht an die Empfehlung gehalten. Die letzten US-Truppen hatten Afghanistan Ende August verlassen.

Die Militärs versuchten bei ihrem Kongressauftritt auch, die Schuld an dem Evakuierungs-Chaos von sich zu weisen. Zuerst habe tatsächlich niemand damit rechnen können, dass Kabul innerhalb von elf Tagen kollabiere, sagte Milley mehrfach. Angeblich habe das Pentagon jedoch auch für diesen Fall einen Notfallplan gehabt, behauptete er. In den letzten Monaten vor der Machtergreifung hätten die US-Militärs dann aber das schnelle Vorrücken der Taliban kommen sehen. Dennoch hielten sie dann – wohl nach der Vorgabe des Weißen Hauses – an der Aufgabe der wichtigen Luftwaffenbasis Bagram nördlich von Kabul fest und zogen auch viele Helfer der afghanischen Armee ab. Eine Entscheidung, die den Taliban die rasche Machtübernahme letztlich erleichterte.

Noch immer warten mehr als hundert US-Bürger auf eine Evakuierung aus Afghanistan. Welche Folgen der schnelle Abzug der US-Truppen in Zukunft noch nach sich ziehen wird – darüber waren sich die Pentagon-Verantwortlichen noch uneins. Während Verteidigungsminister Lloyd Austin weiter von einer „soliden Glaubwürdigkeit“ der USA ausgeht, sprach Milley jene Worte, die US-Präsident Biden bisher stets vermieden hat: Die Glaubwürdigkeit des Landes bei Partnern und Alliierten sei „beschädigt“. Und: Der Krieg gegen den Terror sei noch lange nicht beendet.

FRIEDEMANN DIEDERICHS

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