GEORG ANASTASIADIS
Auch für politische Wunderknaben gelten die Gesetze der politischen Schwerkraft. Sebastian Kurz, der österreichische Ikarus, ist der Sonne zu nahe gekommen – und tief gestürzt ins Schattenreich der Wiener Politik. Die Vorwürfe, Kurz und seine Helfer hätten sich zu Beginn seiner atemberaubenden Staatskarriere mit Steuergeldern günstige Umfragen und lobende Presseberichte gekauft, sind selbst im Land der berühmten „Freunderlwirtschaft“ so toxisch, dass nichts und niemand den Fall mehr aufhalten konnte, auch nicht die in reichem Maße vorhandenen politischen Erfolge, die Österreich und die regierende Volkspartei zu beneideten Vorbildern in Europa haben werden lassen. Auch in Berlin und München werden nun manche frohlocken, die sich lange über den erfolgreicheren und beliebteren Wiener Kollegen ärgern mussten.
Kurz stürzt nicht ins Nichts: Als voraussichtlich künftiger Partei- und Fraktionschef der ÖVP wird er, wie die SPÖ-Vorsitzende es zutreffend ausdrückt, der neue „Schattenkanzler“ Österreichs, neben dem offiziellen Kanzler Schallenberg – vorausgesetzt, die mitregierenden Grünen lassen sich darauf ein und setzen das türkis-grüne Bündnis fort, wozu es wegen der starken Stellung der rechten FPÖ kaum eine echte Alternative gibt. Vor dem Sturz ins Nichts bewahrt den 35-Jährigen bis auf Weiteres seine Popularität, auf die seine ÖVP, die in Wahrheit ja eine Liste Kurz ist, nicht verzichten mag und kann.
Nicht mal ein Comeback ist ausgeschlossen. Dazu müsste Kurz entweder die Vorwürfe der Staatsanwälte entkräften, was nach Aktenlage schwierig werden könnte. Oder darauf hoffen, dass die Österreicher ihrem „Wunderwuzzi“ dessen schwere Jugendsünde noch einmal verzeihen.
Georg.Anastasiadis@ovb.net