Söder gerät unter Feuer

von Redaktion

Rempler aus der Jungen Union: „Zugpferd“ nennt ihn der Nachwuchs jetzt nicht mehr

Deggendorf – Für Markus Söders Aufstieg gibt es einen zentralen Moment, das ist fast vier Jahre her. Auf der Landesversammlung der Jungen Union zückten dutzende Delegierte blaue Schilder, „MP Söder!“, „Die Zeit ist reif“ und „Unsere neue Nummer 1“. Die Bilder davon waren eine Wucht im beinharten Machtkampf mit Horst Seehofer, sie läuteten den Wechsel ein. Jetzt, 2021, ist Söder wieder Gast bei einer Landesversammlung des Parteinachwuchses. Aber diesmal läuft es für ihn gar nicht gut. Für den CSU-Chef ist das ein schrilles Alarmsignal.

Deggendorf am Samstag: Die 300 JU-Delegierten erheben sich brav, als Söder zu martialischer Musik in die Halle marschiert, klatschen, aber wer genau hinschaut, sieht sehr ernste Gesichter. Das ist keine Jubelstimmung, kein Hochleben. Im Gegenteil: Klar und laut bricht der Protest vieler junger CSUler gegen Söders Führungsstil durch. Das Wort von der „One-Man-Show“ macht oft die Runde. In einer „Deggendorfer Erklärung“, für die zuletzt sehr handzahme JU ungewöhnlich deutlich formuliert, fordert der Nachwuchs mehr Teamspiel und ein besseres Einbinden Jüngerer.

Wohl ist ein bisschen Frust dabei, weil in der neuen CSU-Landesgruppe kein einziger junger Kandidat über die Liste reinkam, und nur zwei im JU-Alter dabei sind. Zum Vergleich: Die SPD hat rund 50 Jusos in ihrer Fraktion.

In Deggendorf kommt es nun sogar zu einer offenen Provokation. Wie aus dem Nichts entsteht aus dem Plenum ein Antrag, die Formulierung noch zu verschärfen. Der Aichacher JU-Ortsvorsitzende Stefan Meitinger fordert, den Namen „Markus Söder“ aus einer lobenden Passage zu streichen. „Es kann net sein, dass wir alles nur auf eine Person zuschneiden“, ruft er. Im Entwurf stand, man brauche ein „schlagkräftiges Thema hinter unserem starken Zugpferd Markus Söder“ – in einer symbolträchtigen Abstimmung streichen die JUler Söder als Zugpferd. Und das mit 75-Prozent-Mehrheit gegen die vergeblichen Vermittlungsversuche der JU-Spitze („beruhigt euch alle wieder“).

Der CSU-Chef hat da die Halle bereits verlassen, aber die Botschaft erreicht ihn. Das ist kein Aufstand, aber die Vorstufe. Zumal weitere Spitzen hinzu kommen. CSU-Vize Manfred Weber wird bei seiner Rede in seiner Heimat Niederbayern viel freudiger beklatscht. Oberbayern-Chefin Ilse Aigner kritisiert unter Beifall, man habe „relativ spät angefangen, richtig Gas zu geben und gemeinsam Wahlkampf zu machen“. Das kann als Kritik an Söders Strategie gelesen werden. Und: Die JU-Basis beschließt, ein Amtszeitlimit in CSU-Parteiämtern zu fordern. Man wolle nicht immer „die gleichen alten ja-sagenden Dackel“, spottet ein Delegierter.

Söder weist in seiner Rede auf viele Schuldige hin. Punkt eins: Armin Laschet, den Kanzlerkandidaten aus der CDU. „Es ist einfach so: Am Ende wollten die Deutschen einen anderen Kanzlerkandidaten als den, den CDU und CSU aufgestellt haben.“ Punkt zwei: Erstmals distanziert er sich von den eigenen Spitzenkandidaten. „Es war auch so, dass unser eigenes Personal nicht so zog, wie wir uns das erwartet hatten.“ Söder nennt nicht Alexander Dobrindt, Dorothee Bär oder Andreas Scheuer – meint sie aber wohl. Punkt drei, die Selbstkritik, ist dosiert. Man sei sich „nicht ganz sicher“ gewesen anfangs, „welche Strategie wir inhaltlich eigentlich fahren“, sagt er. Und greift JU-Kritik am Wahlkampf und den Plakaten nur kurz auf: „Muss besser werden.“

Söder sagt in seiner Rede auch: „Es kommen schwere Zeiten auf uns zu. Überall liegen die Nerven blank.“ Nun weiß er: auch bei seinen einst lautesten Unterstützern. cd

Artikel 1 von 11