GEORG ANASTASIADIS
Nach zehn Jahren des süßen Träumens im energiepolitischen Wolkenkuckucksheim erlebt Deutschland gerade ein böses Erwachen: Die Preise für Strom und Sprit steigen dramatisch, Normalverdiener fürchten ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, Putin reibt sich die Hände und der Chefvolkswirt der mittelständischen Wirtschaft prognostiziert, Deutschland taumle von der Corona-Krise direkt in eine wohlstandsgefährdende Wirtschaftskrise. Und es kann noch schlimmer kommen, warnt Ex- BASF-Chef Jürgen Hambrecht, der Mitglied von Merkels Ethikkommission zum Atomausstieg war: In kalten windarmen Winternächten drohten den Bürgern Strom-Blackouts, spätestens Ende 2022, wenn die letzten sechs Atommeiler abgeschaltet werden. Frankreichs Präsident hat bereits durchblicken lassen, dass er Deutschland nicht endlos mit billigem französischem Atomstrom zu versorgen gedenkt.
Die Deutschen können nun die Folgen des Experiments studieren, das die Physikerin Angela Merkel mit dem Doppelausstieg aus Kernkraft und Kohle am lebenden Objekt ausprobierte. Weder wurden seither die Erneuerbaren wie zugesagt ausgebaut noch die Stromtrassen errichtet, die Grundlage der Atom-Ausstiegsempfehlung der Ethikkommission waren, klagt Hambrecht. Überdies sei 2011 nicht absehbar gewesen, dass dem Atom-Aus sehr rasch auch der Kohleausstieg zur Klimarettung folgen würde. Für die Dekarbonisierung fehlt die Kernkraft nun an allen Ecken und Enden, etwa zur Erzeugung von CO2-neutralem Wasserstoff.
In den Sondierungen von SPD, Grünen und FDP war die Verlängerung der AKW-Laufzeiten kein Thema. Noch ist der Leidensdruck für die Politik nicht groß genug, den Fehler von 2011 zu korrigieren; stattdessen richtet sich die Debatte auf eine – für den klammen Staat teure – Senkung der Energiesteuern. Das könnte sich freilich noch ändern, wenn dem künftigen Kanzler Olaf Scholz dämmert, dass seine Respekt-Partei SPD deutsche Gelbwestenproteste riskiert, wenn Energie zum Luxusgut wird und Konzerne in großer Zahl Jobs ins energiesichere Ausland verlagern.
Georg.Anastasiadis@ovb.net