Colin Powells Tod befeuert Corona-Impfdebatte

von Redaktion

Prominente Impfkritiker in den USA argumentieren mit dem Tod des Ex-Außenministers – Fachleute halten dagegen

Washington – Es waren noch keine 90 Minuten vergangen seit der ersten Meldung vom Tod Colin Powells, als der prominente „Fox News“-Moderator John Roberts über Twitter feststellte: Dass der frühere US-Außenminister trotz Impfschutzes an Covid-19 gestorben sei, werfe „neue Fragen dazu auf, wie effektiv Impfungen langfristig“ seien. Roberts löschte seinen Tweet zwar später wieder, weil man daraus fälschlicherweise abgeleitet habe, dass er zu den Impfgegnern gehöre. Doch andere Medienvertreter, teils prominente Impfkritiker, und Politiker nutzen den Fall des mit 84 Jahren verstorbenen Ex-Außenministers weiter für ihre Zwecke aus.

Zur Beurteilung wichtige Fakten kommen dabei oft nicht zur Sprache. Der Ton ist bisweilen harsch. Der republikanische Abgeordnete Matt Gaetz aus Florida, ein erklärter Gegner von Impf-Anordnungen, erklärte über Twitter pauschal: „Durchbruch-Fälle nach Impfungen töten mehr Menschen, als es Massenvernichtungswaffen des Irak jemals getan haben.“ Colin Powell war es gewesen, der 2003 vor den Vereinten Nationen, mit vermeintlich in Saddam Husseins Besitz befindlichen chemischen und biologischen Waffen für einen Einmarsch in den Irak argumentierte. Die Existenz dieser Waffen bestätigte sich später nicht. Auf die Begleitumstände von Powells Tod ging Gaetz gar nicht erst ein.

Die Familie von Powell hatte in der Todesanzeige verkündet, dieser sei an „Komplikationen“ im Zusammenhang mit dem Virus im Walter Reed-Militärhospital verstorben. Der Begriff „Komplikationen“ zielt dabei bewusst auf den Blutkrebs ab, der bei Powell vor einiger Zeit diagnostiziert worden war. Auch wurde er seit 2003 wegen Prostatakrebs behandelt. Aufgrund seines Alters und dieser Begleiterscheinungen, zählte Powell zur höchsten Risikogruppe. Sein Immunsystem dürfte geschwächt und die Bildung von Antikörpern vermutlich beeinträchtigt gewesen sein.

Powell hatte im Februar seine zweite Biontech-Impfdosis erhalten. Ob er schon eine Auffrischungs-Impfung erhalten hatte, war unklar. Aber auch voller Impfschutz kann bei einer solchen Konstellation nicht immer einen tödlichen Ausgang einer Corona-Infektion verhindern. Dessen ungeachtet verkündete die prominente impfkritische Radio-Moderatorin Sharyl Attkisson, Impfungen würden nur „für ein paar Monate wirken“. Auf die eingeschränkten Abwehrkräfte Powells ging auch sie nicht ein.

Mediziner geben sich wegen solch prominenter Wortmeldungen seit dem Tod Powells alle Mühe, gegenzusteuern. Lawrence Gostin, ein Gesundheitsexperte der Georgetown-Universität, beklagte am Montag gegenüber Medienvertretern die Welle von Falschinformationen und Verschwörungstheorien und kam zu dem schlichten Fazit: Powell sei aufgrund der Vorerkrankungen die Ausnahme von der allgemeinen Regel, dass Impfungen vor schwerem Verlauf schützen.

Die Zahl der Covid-19-Todesfälle unter Geimpften beläuft sich in den Vereinigten Staaten laut der US-Gesundheitsbehörde FDA auf bisher rund 7000 Menschen. Die meisten waren über 65 Jahre alt. F. DIEDERICHS

Artikel 4 von 11