Selten sind europäisches Selbstbewusstsein und nüchterne Realität so hart aufeinandergeprallt wie am Schluss in Afghanistan. Wenn die Armeen Europas ohne US-Hilfe nicht mal mehr auf Zeit den Flughafen einer Bananenrepublik sichern können, ist das armselig. Dahinter steckt, dass die Streitkräfte unseres Kontinents nicht unbedingt zu klein, aber zu schlecht koordiniert sind. Ansätze der militärischen Zusammenarbeit zwischen den Staaten gibt es zwar, aber herausgekommen sind zumeist nur träge, überbürokratisierte Papierbrigaden.
Die Hürden sind hoch, das stimmt. Führungskulturen, Sprachbarrieren, inkompatible Waffensysteme, dazu die deutsche Struktur einer Parlamentsarmee: Daraus kann nicht auf Zack eine schnelle EU-Armee geformt werden; schon gar nicht in einem Europa, das an seinen Rändern bröckelt. Die Lösung liegt in bi- oder multinationalen Ansätzen. In diese Richtung geht auch der neue deutsche Vorstoß einer Eingreiftruppe, auch wenn er nur mit den Niederlanden, Portugal, Finnland und Slowenien abgestimmt ist. Der Plan kann stabil sein, wenn er nicht auf bunt zusammengewürfelten Mix-Einheiten basiert, sondern auf einem Rotationssystem, in dem reihum Länder geschlossene Verbände stellen (und die anderen zahlen).
Das klingt vertraut? Ja, weil auch solche Ansätze schon x-mal diskutiert wurden. Europa hat in der militärischen Zusammenarbeit kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem, und das seit Jahrzehnten. Je weiter sich die USA aber aus der Rolle des Weltpolizisten zurückziehen, desto riskanter wird das übliche europäische Man-könnte-sollte-müsste-Gelaber für unsere Sicherheit.
Christian.Deutschlaender@ovb.net