Erdogan brüskiert den Westen

Dämmerung eines Despoten

von Redaktion

KLAUS RIMPEL

Recep Tayyip Erdogan markiert wieder den starken Mann. Doch die Vorstellung überzeugt nicht mehr. Der türkische Präsident wirkt nicht nur gesundheitlich angeschlagen, sondern ist es auch politisch: Die wirtschaftliche Lage der Türkei ist so desolat, dass Erdogan nur noch Spott erntet, wenn er etwa behauptet, dass Deutsche und Franzosen für Lebensmittel anders als seine Türken Schlange stehen müssten: Jeder vierte Jugendliche zwischen 15 und 24 ist arbeitslos, die türkische Lira verliert dramatisch an Wert. Erdogans Versuch, mit niedrigen Zinsen die galoppierende Inflation in den Griff zu bekommen, ist gescheitert.

Um von all dem abzulenken, hetzt Erdogan einmal mehr gegen den Westen. Der Höhepunkt dieser Kampagne ist nun die Brüskierung von Nato-Partnern, deren Botschafter er zu „unerwünschten Personen“ erklärte. Mit diesem Schritt verscherzt es sich Erdogan nicht nur mit Deutschland und Frankreich, sondern auch mit seinem wichtigsten Verbündeten, den USA. Der Westen muss dieser Provokation entschieden und selbstbewusst begegnen: Die krisengeschüttelte Türkei braucht Unterstützung aus Washington und Brüssel eigentlich mehr denn je. Bei der Präsidentschaftswahl 2023 wird es Erdogan nicht reichen, anti-deutsche oder anti-US-Ressentiments zu schüren. Wir erleben eine Despoten-Dämmerung. Aber bis zum Untergang kann Erdogan noch viel Schaden anrichten. Für den Mann, dem der Diplomaten-Protest eigentlich helfen sollte, sind das schlechte Nachrichten: Erdogan wird den politischen Häftling Osman Kavala weiter im Gefängnis schmoren lassen.

Klaus.Rimpel@ovb.net

Artikel 1 von 11