Bielefeld – Riesenapplaus für den gescheiterten Unionskanzlerkandidaten Armin Laschet und Vorschusslorbeeren für den künftigen starken Mann in Nordrhein-Westfalen: Die Landes-CDU macht es demonstrativ anders als die CDU im Bund. Mit 98,3 Prozent wählen die rund 660 Delegierten am Samstag den 46-jährigen Hendrik Wüst zum Nachfolger Laschets als Chef des stärksten CDU-Landesverbands. Es ist der Beginn des Stabwechsels in der NRW-Landesregierung.
Am Mittwoch soll Wüst auch zum Ministerpräsidenten gewählt werden – keine sieben Monate vor der Landtagswahl im Mai 2022. „Team Wüst“ steht auf Schildern, die die Delegierten hochhalten. Nach der Niederlage der Union bei der Bundestagswahl sind die Umfragewerte allerdings verheerend. Dem NRW-Trend von Infratest dimap im Auftrag des WDR zufolge käme die CDU hier derzeit nur noch auf 22 Prozent (Landtagswahl 2017: 33 Prozent). Die SPD mit 31 Prozent konnte sich binnen eines halben Jahres um 13 Punkte verbessern. Zusammen mit den Grünen (17 Prozent) würde es sogar wieder knapp für eine Regierungsmehrheit reichen. Dem bisherigen Verkehrsminister Wüst bleibt bis zur Wahl nicht viel Zeit, um das zu drehen.
Rund einen Monat nach der Bundestagswahl ist der Parteitag in Bielefeld Seelenbalsam für Laschet. Minutenlang feiern ihn die Delegierten, stehen auf, spenden Beifall. Dass der Aachener die zerstrittene NRW-CDU 2012 nach seiner Übernahme des Landesvorsitzes einte und sie 2017 zum Sieg bei der Landtagswahl führte, wird Laschet so hoch angerechnet, dass die Fallhöhe des gescheiterten Kanzlerkandidaten noch tragischer erscheint. 3402 Tage habe er den Landesvorsitz geführt, sagt Laschet. Sein Ziel: keine „One-Man-Show“, sondern eine „Mannschaft“.
Geräuschlos mit nur einer Stimme Mehrheit im NRW-Landtag regiert Schwarz-Gelb seit 2017. „Geschlossenheit“ und „Team“ lauten die Zauberworte, mit dem sich die NRW-CDU nun demonstrativ von der Bundes-CDU und deren Zwistigkeiten abgrenzt. Am Mittwoch braucht Wüst jede der 100 Stimmen von CDU und FDP, um im ersten Durchgang zum Regierungschef gewählt zu werden.
Norbert Röttgen, einer der möglichen Aspiranten auf den CDU-Bundesvorsitz, sagt: „Wir wissen, was auf dem Spiel steht, deshalb ist die Disziplin sehr groß.“ 2012 hatte die NRW-CDU mit dem damaligen Bundesumweltminister Röttgen an der Spitze die Landtagswahl verloren. Als ein Grund galt, dass Röttgen eine Rückkehroption nach Berlin erhalten wollte. Laschet hatte bereits vor der Bundestagswahl erklärt, dass er im Fall eines Scheiterns nicht nach NRW zurückkehren werde. Er hält Wort. Schon heute will er als Ministerpräsident zurücktreten.
Gesundheitsminister Jens Spahn sitzt neben Wüst in den Reihen der Parteitagsdelegierten. Laschet gibt Spahn noch einen Seitenhieb mit. Dieser hatte gesagt, die CDU sei in der größten Krise ihrer Geschichte. „Völliger Unsinn“, konstatiert Laschet. „Tassen im Schrank lassen.“
Wüst gibt sich demütig angesichts des Votums von 98,3 Prozent. „Ich werde mir ein Bein ausreißen, diese Vorschusslorbeeren auch zu rechtfertigen.“ Der 46 Jahre alte Vater einer kleinen Tochter, der als wirtschaftsliberal, konservativ und gut vernetzt gilt, will die CDU erst einmal wieder zum Volk bringen. Die Alltagssorgen der Menschen müssten wieder der „Kompass“ der Partei sein. Sein Kampagnenmotto: „Du zählst“. DOROTHEA HÜLSMEIER