Berlin – Bärbel wer?, fragte sich mancher bei der Nominierung der SPD-Abgeordneten Bärbel Bas zur Bundestagspräsidentin. Selbst der Spiegel zeigte sich „Bas erstaunt“. Den Sozialdemokraten steht als größter Fraktion das Vorschlagsrecht zu. In der konstituierenden Sitzung wird die 53-Jährige heute wohl die Nachfolge von Wolfgang Schäuble im zweithöchsten Amt des Staates antreten.
Der CDU-Politiker besaß wie die meisten seiner Vorgänger einen hohen Bekanntheitsgrad. Das galt auch für die bisher zwei Frauen im Amt: die „Grande Dame“ der SPD Annemarie Renger (1974-78), und die CDU-Politikerin Rita Süssmuth (1988-98). Nun soll also Bärbel Bas die dritte Bundestagspräsidentin werden – der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Und das obwohl die Corona-Pandemie genau ihre Themen betraf: Bas ist seit 2019 stellvertretende Fraktionsvorsitzende für Gesundheit, Bildung und Forschung. Doch weitaus sicht- und hörbarer blieb ihr Fraktionskollege Karl Lauterbach, der das Vizeamt zuvor innehatte.
Dass Bas, gelernte Bürogehilfin und Personalmanagerin, dem hohen Staatsamt gewachsen ist, sollte niemand anzweifeln – sie kennt den Parlamentsbetrieb bestens und vertritt ihre Meinung. Im Bundestag spricht Bas – oftmals in einem SPD-roten Kleidungsstück – stets sachlich, schnörkellos und auf den Punkt. Typisch Ruhrgebiet, könnte man sagen.
Bas wurde am 3. Mai 1968 im heute zu Duisburg gehörenden Walsum geboren. Sie wuchs mit drei Brüdern und zwei Schwestern auf – „meine Eltern haben auf Parität geachtet“, schreibt sie augenzwinkernd auf ihrer Internet seite. Bas besuchte die Hauptschule, spielte nebenher leidenschaftlich Fußball. Ihren Wunschausbildungsplatz als technische Zeichnerin bekam sie nicht, stattdessen lernte sie bei der Duisburger Verkehrsgesellschaft den Beruf der Bürogehilfin; später absolvierte sie in der Betriebskrankenkasse eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten und setzte schließlich ein Studium zur Personalmanagement-Ökonomin obendrauf.
1988 trat sie in die SPD ein; von 1994 bis 2002 machte sie als Mitglied des Duisburger Stadtrats Lokalpolitik. Bas’ Ehemann Siegfried Ambrosius, der im vergangenen Jahr starb, war jahrzehntelang Geschäftsführer des SPD-Unterbezirks Duisburg. 2009 kandidierte Bas erstmals für den Bundestag und gewann ihren Duisburger Wahlkreis mit 42,2 Prozent der Stimmen. Seither verteidigte sie das Direktmandat jedes Mal. Innerhalb der SPD-Fraktion ist Bas Mitglied der Parlamentarischen Linken. Von 2013 bis 2019 war sie parlamentarische Fraktionsgeschäftsführerin – eine gute Vorbereitung auf die Arbeit als Bundestagspräsidentin.
Bas verfüge über „große parlamentarische Erfahrung“, sagte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich anlässlich ihrer Nominierung. Der nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende Thomas Kuschaty attestierte Bas, sie kenne „alle Kniffe in der Parlamentsarbeit“. Außerdem sei sie bodenständig geblieben: „Sie fährt mit ihrem Fahrrad durch Duisburg, ist ansprechbar für alle Bürgerinnen und Bürger und genau so etwas zeichnet eine künftige Präsidentin aus.“
Die Kandidatensuche der SPD hatte sich nicht einfach gestaltet. Rolf Mützenich war selbst im Gespräch. Eine männliche Besetzung aller vier Spitzenämter der Republik hätte sich aber kaum mit den gleichstellungspolitischen Wahlversprechen der Sozialdemokraten vertragen. Deshalb: Bärbel Bas. Dem Stempel der Quotenfrau dürfte aber schon die Vita widersprechen. kna/afp