Wenig Pardon für Merkel in Griechenland

von Redaktion

Kanzlerin reist morgen zum Abschiedsbesuch nach Athen – Schwieriges Verhältnis seit Finanzkrise

Athen – Angela Merkel trifft morgen zu ihrem Abschiedsbesuch als Bundeskanzlerin in Athen ein, am Freitag verlässt sie wieder die griechische Hauptstadt. Merkel nimmt eine Einladung des griechischen Premiers Kyriakos Mitsotakis an. Der 53-jährige Mitsotakis ist nach Kostas Karamanlis, Georgios Papandreou, Loukas Papadimos, Antonis Samaras sowie Alexis Tsipras bereits der sechste Regierungschef in Athen in Merkels Amtszeit seit 2005. Den Verschleiß an Regierungschefs in Griechenland rechnen Kritiker nicht zuletzt dem ab dem Frühjahr 2010 von Kanzlerin Merkel verordneten „Spardiktat“ in Hellas zu. Zu Füßen der Akropolis blieb seither kaum ein Stein auf dem anderen.

Der 28. Oktober, an dem Merkel auf dem Athener Airport landet, ist ein griechischer Nationalfeiertag. Die Griechen gedenken an diesem Tag des „Ochi“ („Nein“) zur Unterwerfung unter das faschistische Italien im Zweiten Weltkrieg. Am Vormittag finden dazu in Athen und anderswo Militär- und Schülerparaden statt.

Daran wird Merkel zwar nicht teilnehmen, schließlich trifft sie offenkundig deswegen erst am späten Nachmittag in Athen ein. Aber für die Griechen sehr symbolkräftig bleibt Mitsotakis’ Terminwahl für Merkels Abschiedsbesuch mit Blick auf ihre Amtszeit allemal.

Immerhin: Diesmal werden ihr aller Voraussicht nach zwar nicht mehr tausende Griechen auf dem zentralen „Syntagma“-Platz einen heißblütigen Empfang voller Wut und Empörung bereiten, so wie sie es hautnah im Oktober 2012 ertragen musste. Damals, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, setzten hellenische Karikaturisten Angela Merkel in Panzer, ließen sie griechische Buben erschrecken. Besonders schlimme Variante: Merkel mit Lederpeitsche und Hakenkreuzbinde. Über drei Viertel der befragten Griechen waren der Meinung, Deutschland sei ihnen „feindlich gesinnt“, so eine Umfrage Anfang 2012. 69 Prozent glaubten sogar, deutsche Politiker verfolgten ernsthaft das Ziel, ein „Viertes Reich“ zu errichten. Ein wahrlich tiefer Fall: Denn vor der desaströsen Finanzkrise waren die Deutschen noch das Lieblingsvolk der Griechen. Doch der rigorose Sparkurs in Athen, in Berlin entworfen, brachte die ansonsten eher liebenswerten Griechen auf die Palme: gegen Merkel.

Alles nur Schnee von gestern? Eher nein. So beobachtet Athen mit Argwohn und unverhohlenem Verdruss, wie Merkel zuletzt am Bosporus ausgerechnet vom türkischen Autokraten und Erbfeind Erdogan umgarnend als „teure Kanzlerin“ und „geschätzte Freundin“ verabschiedet wurde – und dies sogar sichtlich genoss. Für die Griechen ein Affront.

Dass die Pastorentochter wiederum erst Anfang September auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses reumütig offenbarte, ihr schwerster Moment ihrer Amtszeit sei die Eurokrise gewesen, als sie den „Bürgern in Griechenland so viel zugemutet“ habe, ließ zwar im genau 1982 Kilometer Luftlinie entfernten Athen aufhorchen. Die Gemütslage der Griechen wollte dies aber gar nicht aufhellen.

Im Gegenteil: Die linksliberale Athener Kommentatorin Vassiliki Siouti bedachte Merkels Statement mit unverblümt beißender Ironie: „Das kommt ein bisschen spät.“

FERRY BATZOGLOU

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