Zurück zur Kernkraft?

von Redaktion

Politikberater Björn Peters hält Kohleausstieg ohne längere AKW-Laufzeit für nicht umsetzbar

Berlin – Ende dieses und nächsten Jahres gehen die sechs letzten deutschen Kernkraftwerke vom Netz. Unternehmens- und Politikberater Björn Peters hält das mit Blick auf die Klimaschutzziele für einen falschen Schritt.

Herr Peters, halten Sie den Kohleausstieg bis 2030 für realistisch?

Wenn hinreichend viele Gaskraftwerke gebaut werden, kann er vorgezogen werden. Falls allerdings nicht, wird es keinen Kohleausstieg bis 2030 geben.

Wie sehen Sie die Versorgungssicherheit durch Erneuerbare Energien?

Wenn wir uns von wetterabhängigen Erzeugern abhängig machen, müssen wir mehr über Extremwetterlagen wissen. Wir haben dieses Jahr eine Energiekrise – und zwei von den drei Gründen sind wetterbedingt. Wir hatten einen sehr kalten Winter, in dem viel Gas verbraucht wurde. Die Gaskavernen wurden nicht wieder aufgefüllt, weil wir das Gas für die Stromproduktion gebraucht haben, weil viel zu wenig Wind in Europa wehte. Wenn dieser Winter streng wird, bekommen wir Versorgungsprobleme.

Sie wollen den Atomausstieg rückgängig machen, um das Problem zu lösen…

Wir stehen mitten in einer CO2-Debatte, und der Atom-ausstieg von den letzten sechs Kernkraftwerken wird dafür sorgen, dass die CO2-Emissionen in Deutschland um 70 Millionen Tonnen ansteigen. Das passt einfach überhaupt nicht in die Zeit.

Wäre eine Laufzeitverlängerung technisch möglich?

Offiziell sagen die Betreiber, dass die Messe gelesen sei. Wenn man inoffiziell in Chefetagen nachfragt, erfährt man, dass es keine Gründe gibt, warum es nicht möglich sein soll. Die Kraftwerke sind auf dem Stand der Technik, Mitarbeiter sind noch da. Brennelemente sind kein großes Problem. Einige Zulieferer allerdings sind ausgestiegen, da müsste man neue Lieferketten aufbauen.

Würde sich denn eine Laufzeitverlängerung für einen kurzen Zeitraum lohnen?

Man könnte für fünf Jahre schon mal sehr viel erreichen, denn wir brauchen Zeit. Wir bekommen den Ausbau anderer Energieanlagen nicht so schnell hin.

Glauben Sie denn, eine Laufzeitverlängerung würde gesellschaftlich akzeptiert? Laut Umfragen ist ja eine Mehrheit für den Ausstieg…

Bei den Wählern von FDP und der Union überwiegt die Zustimmung. Und in Finnland und Frankreich sprechen sich gerade die Grünen für Kernkraft aus. Es ist klar, die Grünen in Deutschland müssten über ihren Schatten springen. Aber in anderen Ländern haben sie es schon gemacht.

Glauben Sie, die Stimmung wird sich zugunsten der Kernkraft ändern, wenn der Strom teurer wird?

Ja, sie steigt ja bereits. Es gibt die Pro-Kernkraft-Initiativen hier, in den Niederlanden und Italien. Da tut sich im Moment sehr viel.

Wir steuern in Deutschland auf eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP zu. Wie realistisch ist es, dass es zurück zur Kernkraft geht?

Die Ampel-Parteien sind leider gegen eine Laufzeitverlängerung. Aber es wäre verantwortungslos, darüber nicht zu diskutieren.

Um die Erneuerbaren Energien auszubauen, braucht man viele Investitionen. Ist es denn da nicht kontraproduktiv, stattdessen in Kernkraft zu investieren?

Wir haben kalkuliert, dass eine Laufzeitverlängerung weniger als eine Milliarde Euro kosten würde. Das ist, wenn man das umrechnet, die mit Abstand billigste Maßnahme zur CO2-Reduktion. Die Kraftwerke, die abgeschaltet sind, lassen sich nicht zurückholen. Kurzfristig müssen wir also eine Laufzeitverlängerung beschließen für die sechs, die noch da sind. Und mit deren Weiterbetrieb ist es viel wahrscheinlicher, dass es uns gelingt, die Kohle schneller loszuwerden.

Sie würden das als Übergangstechnologie sehen?

Sicherlich. Bis 2045 müssen wir uns überlegen, was wir dann machen. Es kann auch neue Kernkraft sein, es gibt auf der Welt etwa 50 Start-ups, die sich mit innovativen Ideen beschäftigen – mit Kernkraftwerken, die nicht havarieren können und keinen Atommüll hinterlassen.

Die Endlagerung ist bislang ein ungelöstes Problem…

Atommüll ist das mit Abstand am meisten überschätzte Problem in der energiepolitischen Debatte. Erstens sind es sehr kleine Mengen, zweitens ist Atommüll ein Gefahrstoff, mit dem wir sehr gut umgehen können. Es ist noch nie jemand durch Atommüll zu Schaden gekommen, die Ängste sind unbegründet.

Interview: Pia Rolfs

Zur Person

Der Physiker Björn Peters ist Geschäftsführer von Peters Coll in Königstein, einem Forschungs- und Beratungsinstitut für Energiewirtschaft und -politik. Außerdem leitet er das Ressort Energiepolitik beim Deutschen Arbeitgeberverband und ist Mitgründer der „Nuclear Pride Coalition“.

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