Die Kunst des edlen Schmährufs

von Redaktion

„Sleepy Joe“ war gestern – Millionen von Biden-Gegnern beleidigen den US-Präsidenten jetzt mit „Let’s go Brandon“

Washington – Der 2. Oktober 2021 war ein Samstag, aber er war eigentlich viel mehr. An jenem Tag wurde der vielleicht edelste Schmähruf geboren, mit dem je ein amtierender US-Präsident beleidigt wurde. Und natürlich geschah dies im stramm konservativen Teil der USA.

Im Süd-Bundesstaat Alabama fand an besagtem Tag ein NASCAR-Autorennen statt. Da tausenden Zuschauern offenbar langweilig dabei wurde, rund drei Dutzend immer nur im Kreis fahrende Rennwagen zu verfolgen, starteten die Besucher der Rennstrecke das, was in den Wochen zuvor regelmäßig bei Football- und Baseball-Spielen zu beobachten gewesen war. Sie machten aus ihrer Verachtung für das Staatsoberhaupt keinen Hehl und skandierten immer wieder die Beleidigung: „F*** Joe Biden“.

Vielleicht hätte niemand außerhalb des Rennens Notiz davon genommen, wenn nicht ein anderer Umstand dazugekommen wäre: In Alabama waren die Sprechchöre ausgerechnet in dem Augenblick klar zu hören, als eine Reporterin des liberalen Senders NBC Sport den Gewinner des Autorennens, einen gewissen Brandon Brown, interviewte. Da die Moderatorin die auf den Präsidenten abzielende Live-Obszönität nicht völlig ignorieren, aber auch nicht im Wortlaut erwähnen konnte, rettete sie sich in eine Mogelei. Die Zuschauer würden „Let’s go Brandon“ rufen, fabulierte sie – um den Fahrer auch nach dem Rennen noch anzufeuern.

Als unmittelbare Folge des Geschehens versuchten manche Sender zwar, künftig Zuschauer-Rufe so gut wie möglich auszublenden. Doch die Verbreitung des Rufs „Let’s go Brandon“ war damit längst nicht mehr zu stoppen.

Spätestens seit der vergangenen Woche, als ein Pilot von „Southwest Airlines“ über den Kabinenlautsprecher seine Begrüßungsansage mit dem Brandon-Slogan beendete, war klar: Die Formel für die Biden-Beleidigung hat den amerikanischen Mainstream erreicht. Auf sozialen Medien wie Facebook, Youtube und Twitter ist sie – da der Wortlaut im Prinzip nicht die viel zitierten „Community Standards“ verletzt – mittlerweile ebenso zu Hause wie auf dem Kapitolshügel.

Dort beendete kürzlich der republikanische Abgeordnete Bill Posey eine Rede mit den Worten „Let’s go Brandon“, während sein Kollege Jeff Duncan eine Gesichtsmaske mit dieser Aufschrift trug und Ex-Präsidentschaftsbewerber Ted Cruz aus Texas bei einem Baseballspiel ein Schild mit dem Slogan präsentierte. Und wann immer der derzeit in Europa weilende Joe Biden in der Heimat mit seiner Wagenkolonne zu Veranstaltungen fährt, sieht er sich – entweder durch Rufe oder Plakate – mit der Original-Beleidigung und der vornehmen Version konfrontiert.

Dass Amerikas Konservative keinen Spaß verstehen, wenn man ihnen die Freude an dem nun gar nicht mehr kryptischen Slogan nehmen will, bekam die Reporterin einer US-Nachrichtenagentur zu spüren. Sie war zufällig an Bord des „Southwest Airlines“-Jets, dessen Pilot sich die Brandon-Aufforderung geleistet hatte. Die Frau wollte eigenen Angaben zufolge die Cockpittür öffnen, um den Piloten zur Rede zu stellen – doch da dies seit den 9/11-Terroranschlägen kein Verhalten ist, das man Reisenden empfehlen kann, schritt das Kabinenpersonal ein und drohte ihr sogar mit dem Verweis aus dem Flugzeug.

Die Airline erklärte später, man strebe an, den Passagieren eine „respektvolle und willkommene Umgebung“ zu bieten, anstößiges Verhalten werde nicht geduldet. Ob man dazu auch „Let’s go Brandon“ zählt und ob der Pilot abgestraft wurde, ist unklar. FRIEDEMANN DIEDERICHS

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