München – Deniz Ahmadi (Name geändert) hatte die Hoffnung schon beinahe aufgegeben – da erreicht ihn die Nachricht aus Deutschland: Er und die anderen afghanischen Fluglotsen aus dem Tower in Masar-i-Scharif wurden endlich als Ortskräfte der Bundeswehr anerkannt. „Ich habe meine Frau und meine Kinder schon lange nicht mehr so glücklich gesehen“, sagt er unserer Zeitung mit bebender Stimme am Telefon. „Das war der beste Moment seit Ewigkeiten.“
Seit drei Monaten ist Ahmadi mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen auf der Flucht vor den Taliban – so wie neun andere Fluglotsen und ihre Familien (wir berichteten). Die Afghanen wurden von der Bundeswehr ausgebildet, haben zehn Jahre lang an militärischen Operationen mitgewirkt – und den deutschen Truppen bei ihrem Abzug die Starterlaubnis erteilt. Trotzdem wurden sie nicht als Ortskräfte anerkannt, weil sie nur auf Basis von Werkverträgen angestellt waren. Bis jetzt jedenfalls.
„Bei genauer Prüfung haben wir festgestellt, dass sich hinter diesen Werkverträgen Beschäftigungsverhältnisse verbergen“, sagt David Helmbold, Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums. „Das gibt uns die Möglichkeit, die Fluglotsen zu Ortskräften zu erklären.“
Die Entscheidung kam überraschend: Denn noch vor zwei Wochen sagte ein Bundeswehrsprecher auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Fluglotsen wegen ihrer Werkverträge auch nach einer erneuten juristischen Prüfung nicht als Ortskräfte anerkannt werden – „eine Aufnahmezusage für die Einreise nach Deutschland kann somit nicht nach diesem Verfahren erfolgen“, hieß es.
In den vergangenen Wochen wurde der Druck auf das Verteidigungsministerium aber immer größer. Einer der Fluglotsen klagte zusammen mit seiner Familie gegen die Bundesregierung, zudem setzten sich Politiker wie Martin Hagen (FDP) und Erik Marquardt von den Grünen öffentlich für die Afghanen ein. Marquardt, der die private Organisation „Luftbrücke Kabul“ ins Leben gerufen hat, sagt: „Es ist großartig, dass die Fluglotsen endlich in Sicherheit kommen können.“ Gleichzeitig sei es aber „erschreckend, wie viel Engagement und Druck es braucht, um Menschen zu helfen, die uns jahrelang als Verbündete zur Seite standen“.
Die „Luftbrücke Kabul“ tüftelt seit Wochen an Möglichkeiten, die Fluglotsen aus Afghanistan zu retten. Seit die Bundeswehr ihre Evakuierungsmission Ende August beendet hat, hat die zivile Organisation auf eigene Faust für hunderte Ortskräfte Fluchtrouten in Nachbarländer gefunden. Ohne eine Aufnahmezusage aus Deutschland wären die Fluglotsen aber schnell wieder ausgewiesen worden. „Endlich haben wir die Chance, das Land zu verlassen“, sagt Deniz Ahmadi, „jetzt, da wir offiziell anerkannt wurden.“ Er hofft jetzt auf schnelle, unbürokratische Hilfe aus Deutschland. KATHRIN BRAUN