München – Für 3G-Muffel haben sie im Landtag ein exponiertes Plätzchen reserviert. Abgeordnete, die nicht genesen, geimpft oder getestet sind, müssen oben auf der Tribüne Platz nehmen, gut sichtbar dort, wo sonst die Besucher sitzen. Bei der ersten Sitzung des neuen Bundestags gab es das auch, im Netz spotteten manche über die „Deppen-Loge“, in der sich vor allem AfD-Abgeordnete einfanden. Im Maximilianeum bleiben die Plätze am Donnerstagmorgen zunächst leer. Später nehmen hier nur die beiden inzwischen fraktionslosen ehemaligen AfD-Abgeordneten Raimund Swoboda und Markus Plenk Platz.
Aber die eigentliche Sensation findet an diesem Tag woanders statt: Nach langem Zögern, Zaudern und Wegargumentieren hat sich Hubert Aiwanger, 50, einen Ruck gegeben. „Ich bin mittlerweile gegen Corona geimpft“, sagt Bayerns Vize-Ministerpräsident am Morgen und betont, er könne noch im November „2G“-Termine wahrnehmen. Zuletzt durfte er wegen der härteren Regeln nicht mal mehr an Presseterminen seiner Fraktion teilnehmen.
Bei den Freien Wählern straffen sich nun tausendfach die Sorgenfalten. „Mir fällt ein Stein vom Herzen“, sagt Fraktionschef Florian Streibl. „Es ist das absolut richtige Signal zur richtigen Zeit.“ Der Parlamentarische Geschäftsführer Fabian Mehring lobt Aiwanger via Twitter für seine „richtige Entscheidung, die echte Größe zeigt“. Aiwanger werde nun zur „starken Stimme der Freiheit in der Pandemie“.
Wahr ist: Die Impf-Verweigerung des Chefs wurde zunehmend zur Belastung für die Freien Wähler. Das Kalkül, bei der Bundestagswahl Stimmen von Impf-Skeptikern abzugreifen, ging nicht auf, dafür nahm der Ärger an der Basis und mit der CSU zu. Fraktion und Partei hatten spürbar die Nase voll, machten Druck auf den Chef. Mehring, jetzt voll des Lobes, stellte sogar Aiwangers Eignung für den Kabinettsposten infrage. Es werde für ihn „schwierig werden, sein öffentliches Amt auszuüben, wenn er durch die von ihm selbst beschlossene 2G-Regel von der Öffentlichkeit ausgeschlossen ist“.
Was wäre wohl als Nächstes gekommen? Nicht wenig vermuten, die heftige vierte Corona-Welle hätte einen ungeimpften Minister über kurz oder lang aus dem Amt gespült – das abzuwenden, war womöglich Teil der neuen Impf-Motivation. In der Partei wundert sich jedenfalls so mancher, dass es jetzt doch recht schnell ging. Vielleicht habe der interne Druck etwas ausgelöst, heißt es. Auch die „2G“-Regel, die an immer mehr Orten gilt, habe ihren Teil getan. Der Wirtschaftsminister erklärt sein Umdenken anders und verweist auf die heikle Lage in den Kliniken.
Tatsächlich ist die Corona-Lage im Freistaat besorgniserregend. Sowohl bei den Infektions- als auch bei den Todeszahlen liegt Bayern derzeit traurig an der Bundesspitze. Dass in dieser Lage ein impfunwilliger Vize-Ministerpräsident kaum zu verkaufen ist, versteht sich. Auch beim Koalitionspartner ist die Erleichterung daher groß. „Das ist ein sehr gutes Signal in ernsten Zeiten“, sagte Ministerpräsident Markus Söder, der Aiwangers Impfstatus oft kritisiert hatte. FDP-Fraktionschef Martin Hagen twitterte distanziert, aber respektvoll: „Ich hoffe, dass nun viele, die bisher noch zögerten, Aiwangers Beispiel folgen.“
Der Niederbayer, nie ein Leugner der Corona-Gefahren, nannte stets persönliche Bedenken als Grund für seine Impf-Skepsis. Auch jetzt sagt er: „Ich habe bereits im Sommer gesagt, dass ich mir die Impfung überlege und dass die Krankheitsverläufe besonders bei gefährdeten Personen mit Corona-Impfung milder sind.“ Wo, wann und womit er nun geimpft wurde, sagt er nicht. Die Erst-Impfung liegt aber offenbar schon länger zurück. Für Streibl, der gleich nach Bekanntwerden mit Aiwanger telefonierte, zählt nur eins: „Er hat seine Zweifel überwunden.“
Ganz verflogen sind die FW-Corona-Sorgen aber nicht. Generalsekretärin Susann Enders, dem Vernehmen nach bislang ungeimpft, ist laut „BR“ mit Corona infiziert. Die Partei wollte sich gestern aber nicht dazu äußern.