„Und wenn wir das Gas abstellen?“

von Redaktion

Minsk/Berlin – Im Konflikt mit der EU um die Migranten in Belarus hat Machthaber Alexander Lukaschenko im Fall neuer Sanktionen mit einer scharfen Antwort gedroht. „Und wenn wir das Gas abstellen dorthin?“, sagte er in Minsk in einer Sitzung mit ranghohen Funktionären, darunter Militärs. Der Konflikt um tausende Migranten in Belarus an der Grenze zu Polen, die in der EU Asyl beantragen wollen, spitzt sich seit Tagen zu. Die Europäische Union diskutiert, Belarus mit Sanktionen zu belegen.

„Wir beheizen Europa, und sie drohen uns noch damit, die Grenze zu schließen“, reagierte Lukaschenko auch auf Erwägungen Polens, die Grenze zu Belarus komplett zu schließen, sollte die Führung in Minsk ihre Aktivitäten nicht einstellen. Durch Belarus verläuft ein Teil der wichtigen russisch-europäischen Pipeline Jamal-Europa. Über die Leitung wird allerdings nur ein geringer Teil des Gases aus Russland nach Europa transportiert. Die Hauptmenge fließt durch die Ukraine und durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1.

Die Regierung in Warschau und die EU werfen Diktator Lukaschenko vor, gezielt Menschen aus Krisenregionen einfliegen zu lassen, um sie dann in die EU zu schleusen. Sie würden von der politischen Führung in Minsk instrumentalisiert, um politischen Druck auf die EU auszuüben, sagte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Treffen mit der belarussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja in Berlin.

Noch-Außenminister Heiko Maas warf Lukaschenko im Bundestag ein skrupelloses Spiel mit Menschenleben vor und drohte erneut mit Sanktionen – nicht nur gegen Belarus, sondern auch gegen beteiligte Transitländer und Fluggesellschaften: „Niemand sollte sich ungestraft an Lukaschenkos menschenverachtenden Aktivitäten beteiligen dürfen.“

Das neue EU-Sanktionsinstrument, das etwa gegen Fluggesellschaften oder Reiseveranstalter zum Einsatz kommen könnte, soll nach Angaben von Diplomaten am Montag bei einem EU-Außenministertreffen formell beschlossen werden. Im nächsten Schritt könnten dann konkrete Strafmaßnahmen – etwa gegen belarussische Kali-Exporte – verhängt werden.

Die Lage an der östlichen EU-Außengrenze hat sich seit Wochenbeginn dramatisch verschlechtert, als tausende Migranten sich von belarussischer Seite aus auf den Weg in Richtung EU machten. Mehrfach versuchten größere Gruppen laut polnischen Behördenangaben vergeblich, die Zaunanlage zu durchbrechen, mit der Polen sie von einem Grenzübertritt abhalten will.

In der Nacht zum Donnerstag habe eine größere Gruppe von mehr als hundert Migranten Soldaten mit Gegenständen beworfen und dann versucht, den Grenzzaun zu zerstören, twitterte das Warschauer Verteidigungsministerium: „Soldaten feuerten Warnschüsse in die Luft.“ Viele Angaben aus dem Grenzgebiet lassen sich allerdings nicht abschließend überprüfen, weil unabhängigen Journalisten der Zutritt verwehrt wurde. Nach Angaben des Grenzschutzes in Belarus gelangten inzwischen weitere Schutzsuchende an die EU-Grenze. Insgesamt leben dort Tausende im Wald bei gefährlicher Kälte in Zelten.

Polen hat an der östlichen EU-Außengrenze tausende Soldaten stationiert, die einen Durchbruch der Grenzanlagen verhindern sollen. Lukaschenko warf dem Nachbarland eine Militarisierung des Konflikts vor. Wegen der gespannten Lage fliegen in Belarus russische strategische Langstreckenbomber zur Grenzüberwachung. „Ja, diese Bomber sind in der Lage, Nuklearwaffen zu transportieren“, sagte er.

Russland gab angesichts der angespannten Lage um die Migranten an, nun doch bei der Lösung des Problems helfen zu wollen. Zuvor hatte Kanzlerin Angela Merkel per Telefon den russischen Präsidenten Wladimir Putin um Hilfe gebeten. Dieser hat einen direkten Draht zu Lukaschenko. Russland drohen inzwischen selbst Sanktionen wegen der Lage in Belarus. Es sei wichtig, die schwere Migrationskrise an den Grenzen von Belarus mit der EU auf Grundlage internationaler humanitärer Normen zu lösen, teilte der Kreml nach dem Merkel-Telefonat mit.

Polens Regierung stellte sich derweil auf verstärkte Einsätze an seiner Grenze zu Belarus ein. In der Nacht sollten weitere Sicherheitskräfte aus Warschau an die Grenze verlegt werden.

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