Glasgow – Stundenlange Debatten über ein weltweites Stoppsignal für die Kohle und über mehr Hilfszahlungen an arme Länder haben den Abschluss der Weltklimakonferenz in Glasgow ausgebremst. Die Verhandlungen ziehen sich nun bis mindestens Samstag hin. Erst am Morgen soll ein neuer Entwurf für die Abschlusserklärung vorgelegt werden. Eigentlich hätte der Gipfel am Freitagabend zu Ende gehen sollen.
Umweltverbände warnten vor Verwässerungen im geplanten Abschlussdokument und mahnten, die COP26 dürfe keine „Luftnummer“ werden. Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer sagte zu den absehbaren Beschlüssen: „Nichts davon entspricht dem Zeitdruck und dem humanitären Druck, unter dem wir stehen.“
Alle Konferenzen der letzten Jahre wurden ins Wochenende verlängert. Am Ende des Treffens mit 40 000 Delegierten müssen rund 200 Staaten den Abschlusstext einstimmig beschließen.
Auch Klimaaktivisten bauten noch einmal Druck auf: Auf den Straßen Glasgows kritisierten sie – teilweise als Boris Johnson und andere Politiker verkleidet – die Mächtigen als zündelnde Brandstifter. Sogar im riesigen Tagungsgebäude beteiligten sich Hunderte Delegierte an einem lautstarken Protestmarsch. Der US-Klimabeauftragte John Kerry beschwor die Staaten, ihren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase in diesem Jahrzehnt drastisch zu drosseln.
Das Problem: Im neuen Entwurf für die Abschlusserklärung wurde die erstmals aufgenommene Forderung verwässert, wonach der Kohleausstieg und das Ende der Subventionen für fossile Energieträger beschleunigt werden sollen. Nun werden nur Kohlekraftwerken erfasst, deren ausgestoßenes CO2 nicht gebunden wird – also etwa durch Lagerung in Gestein. Kritiker dieser Technologie wenden ein, es sei unsicher, ob das Kohlendioxid über den Zeitraum von 10 000 Jahren eingeschlossen bleibt.
Bei den Subventionen heißt es nun einschränkend, lediglich „ineffiziente“ Subventionen sollten gestrichen werden. Dazu sagte der Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig, damit stünde es quasi im Belieben der einzelnen Staaten, welche Förderungen gemeint sein sollen. In den vergangenen fünf Jahren seien weltweit 2,5 Billionen Dollar solcher klimaschädlichen Leistungen geflossen, sagte John Kerry. „Das ist die Definition des Irrsinns!“ Der deutsche Greenpeace-Chef Martin Kaiser erklärte, die Schlupflöcher beim Thema Kohle und Subventionen müssten dringend geschlossen werden. „Ansonsten wird Glasgow eine gefährliche Luftnummer.“
Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze äußerte sich vorsichtig optimistisch. Es lägen bereits „gute Fortschritte auf dem Tisch“, sagte die SPD-Politikerin. „Dafür bin ich auch gern bereit, in die Verlängerung zu gehen, wenn es notwendig ist.“ Es bestehe zum ersten Mal in der Geschichte der Weltklimakonferenzen die Chance, den Kohleausstieg in einem Abschlusstext zu erwähnen.
Auch aus Sicht der Umwelt- und Entwicklungsverbände gibt es kleine Lichtblicke. Erstmals wird die jahrelange Forderung armer Staaten aufgegriffen, einen Geldtopf für Hilfen bei Schäden und Verlusten einzurichten. Dabei geht es etwa um Zerstörungen und erzwungene Umsiedlungen nach Dürren, Fluten oder Wirbelstürmen. Die Staaten werden aufgefordert, in die neue „Fazilität“ einzuzahlen. Es gibt aber keine Verpflichtung, auch Summen werden nicht genannt.
Die reichen Länder werden im neuen Entwurf weiter aufgefordert, die Finanzhilfen für ärmere Länder für die Anpassung an Klimaänderungen, etwa Dürren, in den ärmeren Ländern zu verdoppeln. Neu hinzu kam nun das Enddatum 2025. Derzeit fließen dafür weltweit etwa 20 Milliarden Dollar, diese müssten also auf 40 Milliarden aufgestockt werden.