Madrid – So viel Selbstbewusstsein können sich derzeit nur wenige erlauben. Diejenigen, die „früher so geschrien haben, schweigen jetzt“, rief Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez unlängst jubelnden Anhängern in der Touristenhochburg Benidorm zu. Der „bevorstehende Triumph“ gegen die Pandemie sei „ein Erfolg der Regierung und der gesamten spanischen Gesellschaft“. Das Virus, sagte der Sozialist, werde vielleicht im Frühling endgültig besiegt sein.
Aus deutscher Perspektive sind das seltsame Sätze – aber sie sind wahr. Spanien und Portugal sind derzeit die Corona-Oasen in Europa. Zwar klettert die 7-Tage-Inzidenz seit etwa einem Monat in beiden Ländern wieder. In Spanien etwa vom 2021er-Tiefstwert von ca. 18 Mitte Oktober auf zuletzt 55. In Portugal lag die Zahl bei etwa 100. Doch in Deutschland, den Niederlanden oder Österreich kann man von solchen Inzidenzen derzeit nur träumen.
Für mehr Entspannung als die relativ niedrigen Infektionszahlen sorgen auf der Iberischen Halbinsel die wenigen schweren Fälle. Die Zahl der Covid-Intensivpatienten ging in Portugal etwa von Dienstag zum Mittwoch um fünf auf 75 zurück. Und auch in Spanien sind nur 3,6 Prozent aller Klinik- und 13 Prozent aller Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt. 2G oder Impfpflicht stehen daher gar nicht zur Debatte.
Fragt sich: Was machen Spanien und Portugal besser als andere? Einer der Gründe für die verhältnismäßig entspannte Lage sind die Impfquoten, die zu den höchsten weltweit gehören: In Portugal sind 87, in Spanien knapp 80 Prozent (bei den Über-12-Jährigen sogar 90 Prozent) immunisiert. Impfgegner sind in Madrid und Lissabon indes so gut wie keine zu hören. „Die Spanier haben großes Vertrauen in die Wissenschaft und einen ausgeprägten Sinn für Disziplin“, kommentierte die Zeitung „El Mundo“.
Hinzu kommt eine gelungene Organisation der Impfungen. In Spanien ist das Gesundheitssystem zentralisiert, man geht nicht zum Hausarzt, sondern ins Gesundheitszentrum. Die Impfkampagne ließ sich so zügig organisieren. Dabei half die weitreichende Digitalisierung. Gesundheitsbehörden wussten genau, wo der Bedarf an Impfdosen wie hoch ist. Niemand musste einem Impftermin hinterherlaufen, die Leute wurden per Telefon oder SMS informiert. Auch die traumatischen Erfahrungen aus vergangenen Corona-Wellen sitzen tief. Gleich zu Beginn der Pandemie gab es 30 000 Tote und einen heftigen Lockdown. Das will kein Spanier erneut erleben.
In Portugal ist es ähnlich. Die Bevölkerung war dort immer schon impfaffin – und wundert sich mitunter über die Skeptiker anderswo. „Wenn ich im Fernsehen die Kundgebungen der Verschwörungstheoretiker in Deutschland, England und anderen Ländern sehe, bin ich sehr stolz auf meine Landsleute“, sagt Fernanda, eine Wirtin aus Lissabon. Auch dass Vize-Admiral Henrique de Gouveia e Melo die Impfkampagne straff organisierte – und im Tarnanzug vor die Kameras ging – wirkte.
Doch nicht nur hohe Impfquoten tragen zum Erfolg bei. Obwohl es in beiden Ländern zurzeit nur wenige Beschränkungen gibt, bleiben die Bürger zumeist vorsichtig. Sie genießen in überfüllten Restaurants und Bars das Leben, tragen auf der Straße aber fast immer Maske. Und schon bei geringen Anstiegen der Zahlen warnen die Medien und reagieren die Behörden. Die Regionen Valencia und Baskenland wollen für das Nachtleben den Covid-Pass einführen, den in Spanien bisher nur die Balearen mit Mallorca sowie Galicien anwenden. Die Polizei in Madrid schlägt für das Weihnachtsgeschäft die Wiedereinführung der Maskenpflicht im Freien für Einkaufsmeilen wie die Gran Via vor. Und in Portugal kommt die Regierung heute zur Evaluierung der Lage zusammen.
Die Feiertage mit großen Familienfeiern im Inneren könnten zur Nagelprobe werden. Deshalb wird in Spanien schon fleißig geboostert. Und das ohne lähmende Debatten.