Brusgi – Immer wieder dringen Rufe wie „Deutschland, Deutschland“ und „Merkel, Merkel“ aus der Menschenmenge im Migrantenlager von Brusgi in Belarus an der Grenze zu Polen. Dass Kanzlerin Angela Merkel mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko und mit der polnischen Regierung telefoniert, schürt seit Tagen Hoffnungen. „Ich habe drei Jahre intensiv Deutsch gelernt, habe eine Ausbildung als Pfleger und will in Deutschland arbeiten“, sagt Gaschtjar aus dem Irak. Er habe auch schon Kontakt zu Arbeitgebern in Deutschland, aber nie ein Visum erhalten.
Neben ihm im Lager steht Chalid, der schon viele Jahre in Deutschland gelebt und unter anderem als Pizzabäcker gearbeitet hat. „Ich brauche keine Hilfe vom deutschen Staat“, beteuert der 30-Jährige. Chalid sagt, dass er seine deutsche Aufenthaltserlaubnis eingebüßt habe, als er 2018 zurückging in den Irak, um sich um seine kranke Mutter zu kümmern. In sauberem Deutsch erzählen beide ihre Lebensgeschichten. Um die 3000 Euro haben sie in einem Reisebüro für die Touren über Dubai oder Bagdad nach Minsk ausgegeben.
„Ich habe zuletzt für 10 000 Dinar, das sind rund sechs Euro, 14 Stunden am Tag in einem Laden als Verkäufer gearbeitet, Jahre gespart, von meinem Vater Geld bekommen, um diese Reise zu machen“, sagt der 25-jährige Kurde. Gaschtjar macht keinen Hehl daraus, dass er aus wirtschaftlichen Gründen weg ist aus dem Irak. Aber auch politische Gründe gebe es. Seinen Job im Krankenhaus habe er verloren, weil er bei der Parlamentswahl nicht so abgestimmt habe, wie die Klinikleitung es wollte.
Seit zehn Tagen ist Gaschtjar an der EU-Grenze, die mit Stacheldraht und starken Sicherheitskräften und Wasserwerfern auf der anderen Seite unüberwindbar geworden ist. „Dürfen wir nach Deutschland über ein Kontingent?“ Gaschtjar ist ratlos. Bei dem Gespräch mit ihm kommen andere Kurden hinzu, darunter ist Chabat, der per Video bei Whatsapp seine deutsche Schwägerin Adriane Chudur hinzuschaltet. Sie wartet in Bonn auf den Bruder ihres Mannes.
„Ich bin glücklich, dass Chabat unversehrt ist nach den vielen Tagen in der Kälte“, sagt die 29-Jährige. „Ich habe schon geweint vor Sorge.“ Voriges Jahr habe der Schwager zwar ein Visum für Deutschland bekommen, doch wegen der Pandemie wurden die Flüge eingestellt. Das Visum verfiel. „Ein neuer Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, einige EU-Staaten hielten Chalib für eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit“, erzählt Chudur, die selbst schon im Irak war. „Eine legale Einreise von dort ist fast unmöglich.“
Chalib, Gaschtjar und Chalid sind nach Tagen im Freien und in der Kälte geschwächt. Sie leben nun in einer Notunterkunft in einer Lagerhalle in einem Logistikzentrum, wenige hundert Meter vom gesperrten Grenzübergang. Tagelang haben sie im Wald und auf dem Grünstreifen an der Grenze gelebt, weil sie befürchteten, in der Unterkunft könnte die Abschiebung in den Irak organisiert werden.
Freiwillige verlassen die Grenze zwar inzwischen, um von Minsk aus nach Bagdad zu fliegen. Die drei hoffen aber in der Notunterkunft weiter „auf ein Leben in Deutschland“. Etwa 2000 Menschen sind in der Lagerhalle untergebracht, darunter viele Kinder und Frauen. Lukaschenko fordert einen humanitären Korridor für 2000 Menschen nach Deutschland; zudem wolle er helfen, für Tausende auch die Rückkehr in den Irak und nach Syrien mit zu organisieren.
Die Propagandakanäle der belarussischen Staatsmedien senden in Endlosschleife, dass „unser international als letzter Diktator bezeichnete Präsident“ sich dafür einsetze, dass die Leute in Deutschland neu starten können. Auch Flüchtlinge werden gezeigt, die dem „Präsidenten von Belarus“ danken. Lukaschenko, den die EU als Schleuser und Menschenschmuggler kritisiert, inszeniert sich als Verteidiger der Menschenrechte.
Die Flüchtlinge wollen nicht in Belarus bleiben. „Die Männer in den Uniformen und schwarzen Masken im Gesicht helfen uns nicht“, sagt ein Mann, der angibt, schon seit fünf Tagen nichts gegessen zu haben. „Sie haben einige von uns unter vorgehaltener Waffe an die Grenze zu Polen getrieben, damit wir sie stürmen“, sagt ein Augenzeuge. Seit Merkel mit Lukaschenko telefoniert, haben sich die Gewaltexzesse gelegt. Auch die Menschen werden besser versorgt.