Omikron, das Schreckgespenst

von Redaktion

VON MARC BEYER

München – Die Omikron-Variante ist noch jung, aber sie ist bereits bei Twitter aktiv. Ein User hat unter dem Pseudonym in den vergangenen Tagen über 30 000 Follower gewonnen und spottet nun über den Umgang der Deutschen mit dem Coronavirus. „Ihr habt so schlaue Leute im Land“, heißt es da. „Gut, dass ihr die ignoriert.“

Der Humor ist abseitig, aber wie so oft steckt auch hier ein wahrer Kern drin. Die Bilder von Weihnachtsmärkten und randvollen Fußballstadien machen deutlich, wie leicht es die Variante haben dürfte, sich in kürzester Zeit auszubreiten. Es dauerte dann auch nicht lange, bis am Freitag die Weltgesundheitsorganisation WHO die Variante B.1.1.529 als „besorgniserregend“ einstufte.

Sie gab ihr den Namen Omikron, wie bei allen Varianten bediente sie sich dabei des griechischen Alphabets. Zwei Buchstaben, die an der Reihe gewesen wären, ließ die WHO aus. „Ny“ klinge zu sehr nach „New“ (Neu), teilte sie mit, „Xi“ sei ein verbreiteter Nachname. US-Republikaner mutmaßten sogleich, die Behörde buckle vor dem gleichnamigen Präsidenten Chinas.

Noch ist das, was die Wissenschaft über Omikron weiß, überschaubar, aber das Wenige klingt alarmierend. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden allein im sogenannten Spike-Protein, das an die menschlichen Zellen andockt, rund 30 Mutationen festgestellt. Hinzu kämen weitere Mutationen, deren Bedeutung noch unklar ist.

Von früheren Corona-Varianten ist bekannt, dass bestimmte Mutationen sowohl zu einer höheren Übertragbarkeit führen als auch zu einer reduzierten Wirksamkeit von Impfstoffen. Das Biontech-Vakzin zum Beispiel hatte ursprünglich einen Wirkungsgrad von rund 95 Prozent. Bei der Delta-Variante, die seit Monaten weltweit dominiert, liegt er lediglich zwischen 70 und 80 Prozent.

Hinsichtlich der Genetik sei Omikron „in der Tat etwas sehr Spezielles, das beunruhigend sein kann“, sagte Vincent Enouf vom Pariser Institut Pasteur. Bekannt ist bereits, dass Patienten, die mit der Variante infiziert sind, eine deutlich höhere Viruslast aufweisen als mit Delta.

Gleichzeitig warnen Experten aus Südafrika, wo die Variante Mitte November zum ersten Mal entdeckt wurde, vor voreiligen Schlüssen. Die Vorsitzende des nationalen Ärzteverbandes, Angelique Coetzee, sagte der BBC, dass die bisher mit Omikron Infizierten nicht schwer erkrankt seien. Sie klagten meist „über einen schmerzenden Körper und Müdigkeit, extreme Müdigkeit“. Es handle sich nicht um Patienten, die direkt in ein Krankenhaus eingeliefert würden. Die Symptome seien ungewöhnlich, aber mild. Über Geschmacks- oder Geruchsverlust, ein weltweit sehr verbreitetes Corona-Symptom, habe niemand geklagt.

Coetzee gab allerdings zu bedenken, dass die Omikron-Variante ältere Menschen, die an Vorerkrankungen wie Diabetes oder Herzbeschwerden litten, härter treffen könnte. Die südafrikanische Bevölkerung ist im Schnitt sehr jung, lediglich sechs Prozent sind älter als 65 Jahre. In dem Land am Kap sind nur rund 24 Prozent aller Menschen vollständig geimpft.

Ob tatsächlich die neue Variante die Wirksamkeit der Impfstoffe beeinträchtigt, lässt sich noch nicht mit Gewissheit sagen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach von einer „schlechten Nachricht“, sie sei aber „kein Grund zur Panik“. Er erwartet, dass eine Impfung auch bei Omikron Schutz vor schweren Verläufen biete. Ein Booster schütze „wahrscheinlich voll“.

Biontech hat bereits eine Prüfung seines Impfstoffes eingeleitet und will ihn gegebenenfalls an die neue Variante anpassen. Ähnlich äußerte sich der US-Konzern Moderna. Beide Unternehmen erwarten, in wenigen Wochen gesicherte Erkenntnisse zu haben, ob ein neues Vakzin produziert werden muss. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verwies zudem darauf, dass die EU bis Ende 2023 zwei Milliarden Impfdosen bestellt habe. „Wir haben Produktionskapazitäten, falls man den Impfstoff anpassen müsste“, sagte er. „Das ist genug, um Europa fast fünf Mal zu impfen.“  mit dpa und afp

Artikel 1 von 11