Bridgetown – Die königliche gelbe Flagge ist zusammengefaltet, die Queen hat eine ihrer Perlen verloren: Vor den Augen des Thronfolgers Prinz Charles hat sich die Karibikinsel Barbados von der britischen Monarchie losgesagt. Die Richterin Sandra Mason wurde in der Nacht zum Dienstag mit einer feierlichen Parade und Salutschüssen in der Hauptstadt Bridgetown als erste Präsidentin des Landes vereidigt. Das Herrschaftsgebiet der Queen ist damit geschrumpft: Neben dem Vereinigten Königreich ist sie nun noch Staatsoberhaupt von 14 statt wie bisher 15 weiteren Ländern.
Die Zeremonie auf dem Platz der Nationalhelden fand nicht vor der Statue des britischen Admirals Horatio Nelson statt, die dort – bis vor einem Jahr – gut 200 Jahre gestanden hatte. Inmitten von Protesten gegen Rassismus und Kolonialismus auf der ganzen Welt hatte die Regierung damals die Statue von dem zentralen Platz entfernt, wo die Helden des Landes geehrt werden sollen. „Wenn wir nicht wissen, wer wir sind; wenn wir uns nicht darüber im Klaren sind, wofür wir kämpfen wollen, dann sind wir dazu verdammt, wieder ausgebeutet und kolonialisiert zu werden“, sagte Premierministerin Mia Mottley.
Gut ein Jahr zuvor war der Bruch mit der Krone verkündet worden. „Es ist an der Zeit, unsere koloniale Vergangenheit vollständig hinter uns zu lassen“, hieß es von Mottley in der jährlichen sogenannten Thronrede. Die Ansprache las Mason in ihrer bisherigen Rolle vor: als Generalgouverneurin des Inselstaates – also Vertreterin der Königin. Vor einigen Wochen hatte das Parlament von Barbados die 72-Jährige in das neu geschaffene Amt der Präsidentin gewählt. Regierungschefin bleibt Mottley.
Die Reaktion des Buckingham-Palasts fiel zurückhaltend aus: Die Angelegenheit sei „Sache der Regierung und des Volkes des Commonwealth-Staates“, hieß es im September 2020. Prinz Charles, der seine 95 Jahre alte Mutter in Barbados vertrat, betonte nun dort: Auch wenn sich einiges ändere, werde manches gleich bleiben – etwa die „enge und vertrauensvolle Partnerschaft“ und gemeinsame Werte.
Die Queen selbst sendete Gratulationen: Sie beglückwünsche die Präsidentin zu ihrem ersten Tag im Amt und sende die besten Wünsche für „Glück, Frieden und Wohlstand“ an alle Menschen in Barbados, schrieb die 95-Jährige in einer Botschaft.
Auch Popstar Rihanna war bei der Zeremonie dabei. Mottley verkündete, dass die barbadische Sängerin, die auch Sonderbotschafterin ihres Landes ist, in den Orden der Nationalhelden aufgenommen werde.
Das Commonwealth of Nations ist eine lose Verbindung von Staaten, die aus Großbritanniens ehemaligen Kolonien hervorgegangen sind. An der Spitze der Organisation steht Königin Elizabeth II. Barbados wurde am 30. November 1966 unabhängig. N. KAISER, L. SCHWEDES