SEBASTIAN HORSCH
Olaf Scholz bekennt Farbe: Der designierte Kanzler leitete gestern gemeinsam mit den Ländern bundesweite Verschärfungen des Corona-Kurses ein. Eine andere Frage ließ Scholz allerdings weiter offen: Sein kommender Gesundheitsminister fehlte bei den Gesprächen.
Das liegt nicht etwa daran, dass es nicht sinnvoll wäre, wenn derjenige, der das alles demnächst umsetzt, auch mitreden darf. Nein, der Nachfolger von Jens Spahn nahm nicht teil, weil Scholz noch nicht bestimmt hat, wer den Job machen soll. Man wolle noch den SPD-Parteitag am 4. Dezember abwarten – „wie man es macht, wenn man es ordentlich macht“, sagt Scholz. Dieser Satz kann stellvertretend für das derzeit wohl größte Problem stehen: Eine missverstandene deutsche Gründlichkeit verzögert die im Wahlkampf ohnehin lange vernachlässigte Pandemiebekämpfung. Das gilt nicht nur bei der Vergabe des zentralen Corona-Ressorts. Während andernorts längst geimpft wird, wo es nur geht, durften bei uns bisher noch nicht mal Apotheker und Zahnärzte eine Spritze setzen, damit auch alles seine Ordnung hat. Dass sich das nun endlich ändert, ist überfällig. Genauso wichtig wäre zudem, dass unser überbürokratisiertes und unterdigitalisiertes Land auch dort die Kurve kriegt, wo eine gewisse Gründlichkeit tatsächlich angesagt ist – nämlich bei der Koordinierung der Impfstoff-Lieferungen.
So oder so: Angesichts bisher zu niedriger Impf-Quoten – besonders der bei den Über-60-Jährigen – bleibt Bund und Ländern nun erst mal wieder nur das Zusperren, um die Kliniken vor dem Schlimmsten zu bewahren. Insofern sind die geplanten Verschärfungen wohl unvermeidbar. Der eigentliche Vorwurf, den man der Politik machen muss, ist, dass sie sich erneut in diese Lage bringen ließ.
Sebastian.Horsch@ovb.net