Kurz kehrt der Politik den Rücken

von Redaktion

VON SEBASTIAN HORSCH

München/Wien – Die Gerüchte sind schon durchgesickert. Als Sebastian Kurz am Donnerstagvormittag in Wien vor die Kameras tritt, ahnen die meisten, dass das kein alltäglicher Auftritt wird. Kurz, das Haar wie immer penibel nach hinten frisiert, sagt einen Satz, der hängen bleiben wird. „Ich bin weder ein Heiliger, noch ein Verbrecher.“

Es ist die Rücktrittserklärung des wohl prominentesten Politikers, den Österreich bisher hatte. Kurz – erst Wunderwuzzi, dann Shootingstar, dann Bundeskanzler – will Schluss machen mit der Politik. Ein für alle Mal.

Die steile Karriere, die der 35-Jährige zuvor hingelegt hat, ist selbst in einem kleinen Land wie Österreich kaum zu fassen. Sein erstes politisches Mandat nimmt er 2010 als Mitglied des Wiener Gemeinderats an. Schlagzeilen hat Kurz da bereits gemacht, als er im Wahlkampf mit einem schwarzen Hummer – dem „Geilomobil“ – durch die Stadt gebraust ist. Doch mit Lokalpolitik muss Kurz sich nicht lange aufhalten. Bereits 2011 wird er mit 25 Jahren als Staatssekretär für Integration in die Regierung berufen, schon zwei Jahre später vertritt er als jüngster Außenminister in der Geschichte des Landes Österreich in der Welt. Seine Partei – die schwarze ÖVP, in Deutschland am ehesten mit der Union vergleichbar – krempelt er um und schneidet sie zur plötzlich türkisen Liste Kurz komplett auf sich zu. Die dafür nötigen Machtkämpfe gewinnt er mithilfe eines engen und extrem loyalen Unterstützerkreises. Es folgt der endgültige Durchbruch. Bei den vorgezogenen Nationalratswahlen 2017 holt die Liste Kurz die meisten Stimmen – und ein 31-Jähriger wird Kanzler. Doch die erste Koalition mit der rechten FPÖ zerbricht, weil Vizekanzler Heinz-Christian Strache über die Ibiza-Affäre stolpert. Wieder Wahlen, wieder siegt Kurz. Anfang 2020 nimmt die neue Koalition – nun mit den Grünen – die Arbeit auf.

Im späten Sommer dieses Jahres ist es dann plötzlich Kurz, der eine Affäre am Hals hat. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn, seine Karriere mit geschönten Umfragen gefördert zu haben. Dafür soll mehr als eine Million Euro aus Steuergeldern ausgegeben worden sein. Vorläufiger Tiefpunkt sind im Oktober Hausdurchsuchungen im Bundeskanzleramt und in der ÖVP-Zentrale, nach denen Kurz als Regierungschef zurücktritt. Doch aufgeben will er da noch nicht. Als Klubobmann – vergleichbar mit einem Fraktionsvorsitzenden – wechselt er in den Nationalrat. Gestern dann der große Knall.

Spitzenpolitik sei immer ein Wechselbad an Gefühlen, sagt Kurz. Etwas bewegen zu können, sei wunderschön. Gleichzeitig sei da dieses Gefühl, gejagt zu werden, das ihn und sein Team dazu getrieben habe, rund um die Uhr zu arbeiten. „Manches ist vernachlässigt worden, insbesondere die eigene Familie.“ Bei der Geburt seines Sohnes Konstantin sei ihm bewusst geworden, dass „es auch Schönes außerhalb der Politik gibt“, sagt Kurz. Dass er sich zuletzt nur noch gegen Unterstellungen und Verfahren habe wehren müssen, habe zudem seine Leidenschaft für die Politik verringert. „Die letzten Monate, die letzten Wochen, die letzten Tage, ist diese Begeisterung bei mir ein bisschen weniger geworden.“ Er freue sich „persönlich auf den Tag“, an dem er vor Gericht beweisen könne, dass die Vorwürfe gegen ihn falsch seien, sagt Kurz.

Und was kommt jetzt? Seine Zukunftspläne lässt Kurz offen. Eine Möglichkeit: Dazu, sein Jura-Studium zu beenden, ist der Ex-Kanzler bisher nicht gekommen.

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