Der Mann ohne Privatleben

von Redaktion

VON SVEN GÖSMANN

Berlin – Am kommenden Mittwoch soll Olaf Scholz zum Bundeskanzler gewählt werden. Doch wer sich über den neunten Regierungschef der Bundesrepublik auf dem Buchmarkt informieren will, suchte bislang vergeblich. Zwar hat Olaf Scholz selbst 2017 sein Manifest „Hoffnungsland“ veröffentlicht. Aber Biografien über den Sozialdemokraten gab es nicht. Diese Lücke schließt pünktlich zum Amtsantritt ein Journalist, der Scholz näher kennt als die allermeisten. Lars Haider ist Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“, immer noch so etwas wie die Heimatzeitung des früheren Bürgermeisters, auch wenn der schon lange in Potsdam wohnt.

Haider gelingt auf 200 süffig zu lesenden Seiten ein Porträt, das den in der Öffentlichkeit oft spröde wirkenden Scholz besser verstehen hilft. Es ist weniger ein Buch für Berliner Politik-Insider, die nach unbekannten Details im Leben des 63-Jährigen suchen, sondern vielmehr eine schlüssige Erzählung, wie aus ihm gegen alle Erwartungen ein Wahlsieger und Bundeskanzler wurde.

Wobei, und das ist der Kern von Haiders Beschreibung, es „alle“ Erwartungen nicht trifft: Scholz selbst war schon immer überzeugt, dass er das schafft. Haider erinnert sich an seine eigene Verblüffung 2018, als Scholz nach einem ihrer Gespräche sein Büro verließ: „Der glaubt wirklich, dass er Kanzler wird.“

Was der Chefredakteur damals für einen Wunschtraum des sonst so nüchternen Scholz hielt, erscheint in der längeren Betrachtung logischer. Denn Scholz hatte alles schon einmal durchlitten, was er in den verrückten vergangenen zwei Jahren politisch erlebt hat: sowohl die politische Nahtoderfahrung durch den SPD-Machtverlust in Hamburg 2001 wie die Wiederauferstehung durch seinen Wahlsieg dort mit absoluter Mehrheit 2011.

Nur ging es diesmal schneller: 2019 bei der Wahl zum SPD-Chef durchgefallen, ein Jahr später erst Kandidat, wieder ein Jahr danach Kanzler. „Es fühlt sich an wie 2011“, verriet Scholz Haider bereits in diesem Sommer.

„Olaf Scholz – Der Weg zur Macht“ bringt uns vor allem den Politiker und sein Umfeld näher. Sein detailverliebtes Wissen, seine perfektionistische Vorbereitung, seinen Stoizismus nach Niederlagen wie der im Kampf um den SPD-Parteivorsitz. Scholz, so ein Satz von ihm, „beklagt sich nicht und erklärt sich nicht“. Für einen Kanzler, der schon über seine Wiederwahl in vier Jahren nachdenkt, reicht das natürlich nicht. Scholz wird seine Politik erklären müssen.

Noch lässt er das Erklären vor allem von seinem engsten Vertrauten Wolfgang Schmidt erledigen. Der bearbeitet Journalisten wie Parteifreunde und Parteifeinde, ist Scholz’ Sherpa und nimmt deshalb in Haiders Buch viel Raum ein. Aber nie so viel, dass Scholz eifersüchtig werden könnte, was die lange Vertrauensbeziehung der beiden Politiker erklärt.

Einen größeren Einfluss hat wohl nur Scholz-Ehefrau Britta Ernst, inzwischen SPD-Bildungsministerin in Brandenburg. Ihre Beziehung wie nahezu alles Private hält Scholz so gut unter Verschluss, dass sich der Verdacht aufdrängt, bei dem Workaholic-Paar sei die Arbeit fast das ganze Leben.

Immerhin wird deutlich, was Scholz nicht mag: Angeber, unzuverlässige Politiker, Schwafler, Smalltalk. Er macht lieber und brachte so etwa das bis zu seinem Amtsantritt in Hamburg katastrophal verlaufene Elbphilharmonie-Projekt zu einem guten Ende. Und Haider arbeitet heraus, was Scholz schwerfällt: Fehler einzugestehen wie nach den G-20-Krawallen in Hamburg oder bei diversen Finanzaffären.

Lars Haider:

„Olaf Scholz – Der Weg zur Macht“, Klartext-Verlag (Essen), 200 Seiten, 20 Euro, erscheint am 6. Dezember.

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