MIKE SCHIER
Die erstaunliche Erholung der SPD zeigt sich auch an dieser Personalie: Kevin Kühnert, bis vor kurzem Juso-Vorsitzender und Mitarbeiter einer Abgeordneten des Berliner Senats, wird neuer Generalsekretär der SPD. Es gab verwirrte Monate bei den Genossen, in denen der politisch ohne Zweifel hochtalentierte Kühnert schon als neuer Vorsitzender oder gar Kanzlerkandidat gehandelt wurde. Die Überlegungen drückten eher den Grad der Verzweiflung in der SPD aus. Erst unter Olaf Scholz, den die Basis als Parteichef noch abgelehnt hatte (was Kühnert bejubelte), hat die Partei wieder zu sich gefunden.
Für die Statik der SPD ist Kühnerts Berufung zum General ein kluger Zug. Er verkörpert wie die Vorsitzende Saskia Esken jenen linken Parteiflügel, der die empfindliche Seele der Partei streichelt. Außerdem vertritt er auch als Ex-Vorsitzender weiter den Parteinachwuchs, der in der Bundestagsfraktion über eine ordentliche Hausmacht verfügt. In der Kombination mit dem Machtpragmatiker Scholz, der die Bundestagswahl ausdrücklich als Mann der Mitte gewonnen hat, ist das eine gute Balance, um die linke Volkspartei wieder auf zwei Beine zu stellen.
Kühnert selbst kann derweil weiter lernen: Eine NDR-Doku hat zuletzt schon gezeigt, wie gut er das politische Netzwerken beherrscht. Als General kommen nun Organisation und inhaltliche Tiefe dazu, auch der Abschied von der ein oder anderen Verstaatlichungsfantasie wäre nötig. Neben seinem Vorgänger und künftigen SPD-Chef Lars Klingbeil darf und muss der 32-Jährige beweisen, ob er eines Tages wirklich für höhere Aufgaben taugt.
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