„Unsere Diskussion ist zu stark von Angst bestimmt“

von Redaktion

Professor Eckhard Nagel hält die Versorgung für gesichert – Deutlich mehr Geld für Pflegekräfte

Bayreuth – Die Menschen sollen sich nicht nur auf die Politik verlassen. Jeder Einzelne kann dazu beitragen, die vierte Welle zu überwinden – das sagt Eckhard Nagel, Professor für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Uni Bayreuth.

Herr Professor, was kann jeder Einzelne jetzt tun?

Ich glaube, in einer solchen Situation, wo es um die individuelle Gesundheit geht, muss auch jeder auf sich selbst schauen. Die Menschen sollten in einer so unsicheren Situation auf Kontaktbeschränkungen achten – ohne jede Verordnung. Dazu gibt es allerdings nur geringe Bereitschaft. Ein anderer Bereich ist die Impfung. Auch da muss sich jeder die Frage stellen: Warum habe ich mich nicht impfen lassen? Die Überwindung dieser Pandemie ist ganz stark vom Einzelnen abhängig – wahrscheinlich viel stärker als vom Verhalten der Politik.

Wir sehen Bilder von Bundeswehr-Flugzeugen, die Intensivpatienten verlegen, immer wieder wird auch vom Szenario einer Triage gesprochen.

Ich bin empört über Ärzte und Politiker, die leichtfertig den Begriff der Triage um der Aufmerksamkeit willen in den Raum werfen. Ich finde das unverantwortlich. Dass ein Patient verlegt werden muss, gehört ein Stück weit zum medizinischen Alltag. Dabei will ich die aktuelle Not in Süddeutschland nicht relativieren. Aber hier davon zu sprechen, dass Patienten Angst haben müssten, gar nicht mehr behandelt zu werden, halte ich für unsensibel und rücksichtslos. Ich weiß nicht, wie diese Panikmache helfen soll, mit der Pandemie besser umzugehen.

Die Notfall-Versorgung ist also gesichert?

Unbedingt. An jedem Morgen ist es in Deutschland so, dass in großen Kliniken Betten für Intensivpatienten gesucht werden. Wir können Patienten umfassend intensivmedizinisch betreuen. Wir haben deutlich mehr Intensivbetten als alle anderen europäischen Länder im Hinblick auf die Anzahl der Bevölkerung. Aber wir haben leider die Situation, dass schon seit geraumer Zeit nicht mehr alle Intensivbetten betrieben werden können, weil wir einen Pflegemangel haben. Und das sehe ich mit Sorge.

Wie kam das?

Auf den Intensivstationen herrscht permanente Anspannung. Das hat dazu geführt, dass eine Reihe von Mitarbeitern aus dem Beruf ausgeschieden sind. Ich habe die Sorge, dass wir zu einer Dauer-Überlastung des Personals kommen. Da muss man feststellen: Wir haben zwar darüber diskutiert, es steht auch im neuen Koalitionsvertrag, dass man sich um Pflegeberufe und ärztliche Versorgung besser kümmern möchte, doch ein konkretes Handeln fehlt bisher.

Was würden Sie tun?

Als wichtiges Instrument zur Bewältigung der vierten Welle würde ich mit Beginn 2022 das Einkommen der Pflegekräfte und Ärzte auf Intensivstationen verdoppeln. Auch wenn wir wissen, dass Finanzierung alleine die Anstrengungen nicht erleichtert. Ich bin sicher, dann kommen viele Kräfte zurück – aus Verantwortungsbewusstsein und weil sie sich mit Respekt behandelt fühlen.

Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Es ist ganz wichtig, dass wir Hoffnung haben. Mir ist die Diskussion viel zu stark von Angst bestimmt, an manchen Punkten kann man schon von Panik sprechen. Man sollte auf die Fakten schauen: Eine Pandemie verläuft in Wellen. Man darf davon ausgehen, dass diese abflacht.

Interview: Kathrin Zeilmann

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