München – Es ist ein wutschäumender Auftritt. „Hier sitzt sie nun, die schreckliche Person, die in Ihrer Berichterstattung so diskreditiert wurde“, ruft Anne Cyron (66) in einem Sitzungsraum des Landtags. Dann kennt sie kein Halten mehr. Die Vorwürfe gegen sie seien „unlauter und völlig absurd“, man wolle sie „irreparabel beschädigen“. Wer sie kenne, der wisse: „Gewaltfantasien sind mir fremd.“
Der Mini-Eklat kommt nicht von ungefähr. Cyron gehört zu jenen AfDlern, die in einem Telegram-Chat teils radikale, umstürzlerische Gedanken geäußert hatten. Prominente Parteimitglieder forderten darin die „totale Revolution“ und den Kampf gegen das „Deutschland meuchelnde System“. Auch Cyron wurde deutlich: „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten – hat Tucholsky auch schon gewusst. Denke, dass wir ohne Bürgerkrieg aus dieser Nummer nicht mehr rauskommen werden.“ Der Ausschnitt liegt unserer Zeitung vor.
Die Äußerungen sorgten für Entsetzen, Cyron sieht sich aber als Opfer einer Kampagne: Statt sich zu erklären, greift sie deshalb an. Sie habe „weder zu Umsturz noch zu Gewalt“ aufgerufen, sondern nur aus „Sorge um die Heimat“ vor den Folgen schlechter Politik gewarnt. Man wolle ihr und ihrer Partei offenbar schaden. Nachfragen lässt sie nicht zu, nach ihrer Wutrede verlässt sie eilig die Fraktions-Pressekonferenz.
Auch AfD-Fraktionschef Ulrich Singer sieht keinen Anlass, sich vom Inhalt der Chats zu distanzieren. „Es herrscht Meinungsfreiheit in diesem Land“, sagt er. Der Chat beinhalte nichts Rechtswidriges. Die Berichte über die Äußerungen hält Singer gar für „Nebelkerzen, um vom Versagen der Staatsregierung abzulenken“.
Interne Konsequenzen muss Cyron also nicht fürchten, aus dem Schneider ist sie aber nicht. Die anderen Fraktionen forderten vergangene Woche ihren Ausschluss aus dem Bildungsausschuss. Die Generalstaatsanwaltschaft in München prüft zudem die Inhalte des Chats. Ob der Verfassungsschutz tätig wird, ist unklar. MARCUS MÄCKLER