Wladimir Putin hat sich geschickt einen günstigen Zeitpunkt für den Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine ausgesucht. Die Weltpolitik ist mit der Pandemie beschäftigt, und US-Präsident Joe Biden hat beim Abzugsfiasko in Afghanistan deutlich gemacht, dass seine Versprechen nicht immer ganz ernst genommen werden dürfen. Nach dem gestrigen virtuellen Gipfel zwischen beiden Staatsmännern stellen sich deshalb folgende Fragen: Welche Wirkung werden die Drohungen Bidens bei seinem russischen Gegenüber zeigen? Will Putin tatsächlich einen neuen Landraub-Versuch wagen? Oder will er dem Westen in erster Linie die Zusage abringen, dass die Ukraine niemals Nato-Mitglied wird?
Für Putin ist das weitere Vorgehen natürlich nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip ausgerichtet. Und um auch gegenüber anderen Weltmächten wie China glaubwürdig zu bleiben, muss Biden im Falle einer Invasion diesmal mehr tun als nur Decken, Essensrationen und Leichensäcke zu liefern, wie es einst sein Ex-Chef Barack Obama getan hat. Der Westen – und das gilt auch für Berlin – muss den Preis für eine erneute russische Intervention beim Nachbarn so hoch wie möglich ansetzen.
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