Zum Abschied von Angela Merkel

Die Matriarchin geht

von Redaktion

GEORG ANASTASIADIS

Heute ist der 5860. Tag der Ära Merkel und zugleich ihr letzter. Und wir ahnen es: Die Kanzlerin, die ab jetzt nur noch die Ex-Kanzlerin ist, wird ihn mit derselben stoischen Gelassenheit absolvieren wie jeden anderen in den vergangenen 16 Jahren. Ihr protestantisches Pflichtgefühl, ihr skandal- und allürenfreier Stil hat Maßstäbe gesetzt, an denen sich ihre Nachfolger werden messen lassen müssen. Voran Olaf Scholz, der ihr im Habitus näher ist als wohl jeder andere deutsche Spitzenpolitiker. Vielleicht haben die Deutschen deshalb gerade ihn, die „rote Merkel“, als neuen Regierungschef gewollt. Die Matriarchin geht, aber ihr Amtsverständnis überdauert den Wechsel.

Die Merkel-Jahre waren eine atemlose Aneinanderreihung von Krisen und Zeitbrüchen: die Euro- und die Finanzkrise, die Migrations- und die Corona-Krise. Vieles glückte ihr, aber nicht alles, besonders in den letzten Amtsjahren. Und vieles ist liegen geblieben. Nach 16 Jahren Merkelscher „Modernisierungspolitik“ benötigt das behäbig gewordene, in Bürokratie und einer veralteten Infrastruktur erstarrte Deutschland dringend einen Innovations- und Digitalisierungsschub. Modern ist unser Land nur noch in seiner Selbstwahrnehmung. Die von Natur aus bedächtige Merkel wollte den Deutschen nicht zu viel zumuten, und das traf sich bestens mit dem Wunsch der Bürger, nach den schmerzhaften Jahren der Schröder-Reformen von der Politik erst mal in Ruhe gelassen zu werden.

Doch so, wie es unter Merkel war, kann es unter Scholz nicht weitergehen. Die Ampelregierung muss das Land wieder in Bewegung setzen, die Infrastrukturaufgaben anpacken und seine Rolle in einer unbequem gewordenen Welt voller auftrumpfender Autokratien neu finden. Immerhin: So wie Deutschland nach Schröder von dessen Arbeitsmarktreformen profitierte, kann es heute von seinem gewachsenen Ansehen und seiner Beliebtheit in der Welt zehren. Das ist Merkels Nachlass an die Deutschen. Sie müssen jetzt ohne sie ihren Weg finden.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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