München – Um Solidarität zu zeigen, genügt manchmal die richtige Kleidung. Ilse Aigner trägt weißes Shirt unter rotem Blazer, was kaum auffiele, wenn nicht diese Frau neben ihr stünde: Swetlana Tichanowskaja, 39 Jahre alt und weltbekannt, seit sie bei der Wahl 2020 gegen den belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko antrat. Der hatte einst die weiß-rot-weiße Nationalflagge abgeschafft. Jetzt ist sie das Symbol der Opposition.
Tichanowskaja, die als Gesicht jener Opposition gilt, lebt im Exil und ist unablässig unterwegs, um auf die Lage in ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Am Dienstag ist sie zu Gast im Landtag. Erst ein Gespräch mit der Präsidentin, dann eine Runde mit Journalisten. „Für die zivile Gesellschaft ist die Situation sehr schwierig“, sagt sie. Seit der Wahl im August 2020 seien 50 000 Menschen verhaftet worden, die Angst gehe um. „Es genügt schon die falsche Sockenfarbe, um inhaftiert zu werden.“ Lukaschenko bringe die Demokratiebewegung mit Gewalt zum Schweigen.
Die EU hat mehrfach Sanktionen gegen das Regime in Minsk verhängt, zuletzt wegen der Schleusung von Migranten. Tichanowskaja hält das für richtig und fordert, den Druck künftig noch deutlich zu erhöhen. „Die Menschen in Belarus wollen diese Sanktionen, um das Regime schnell loszuwerden.“ Auch der Druck von innen werde zusehends größer. Derzeit entstehe eine Arbeiterbewegung und bereite einen Generalstreik vor. „Davor hat das Regime wahnsinnig Angst.“
Gleiches gilt wohl für den Fall, dass Minsk die Unterstützung des Kremls verliert. Danach sieht es nicht aus. Die Opposition sendet dennoch friedliche Signale nach Moskau. Belarus müsse ein neutrales Land mit guten Beziehungen zu Ost und West werden, sagt Tichanowskaja. Das ist auch ihre Botschaft an den Kreml: „Wir haben keine geopolitischen Ambitionen.“
Letztlich helfe nur eine neue Wahl, sagt die 39-Jährige. Die Situation sei schwer, sie selbst sei bisweilen „übermüdet und gestresst“. Aber die Lage der Gefangenen motiviere sie. „Das inspiriert mich und gibt mir Stärke.“ M. MÄCKLER