Nummer 9 im Kanzleramt

von Redaktion

Er ist der Extrem-Kletterer der deutschen Politik. Olaf Scholz (SPD) wurde schon oft abgeschrieben. Heute wird er zum Kanzler gewählt.

VON STEFAN SESSLER

München – Früher haben seine Berater zu ihm gesagt: „Olaf, geh’ mal zu den Menschen.“ Wirk bürgernah. Denk an die Macht der Bilder. Aber Olaf Scholz, 63, war noch nie ein Kumpel-Typ wie SPD-Kanzler Gerhard Schröder. „Er ist ein zutiefst schüchterner, zurückhaltender Mensch“, sagt sein Biograf Lars Haider. Als er für das Amt des Hamburger Bürgermeisters kandidierte, hat sich bei einer Wahlkampfveranstaltung eine ältere Frau an den Sicherheitsmännern vorbeigeschlichen, Scholz umarmt und ihm ein Bussi gegeben. Scholz hat das Gesicht verzogen. Er liebt die Politik, die Akten, die akribische Vorbereitung, aber er ist kein Mann des Volkes. „Seine Überzeugung ist, dass die Menschen nicht wollen, dass Politiker wie er Gefühle zeigen“, sagt sein Biograf.

Scholz plant lieber. Zum Beispiel seine Kanzlerschaft. Als andere noch über den Untergang der deutschen Sozialdemokratie spotteten, war er sich schon sicher, dass er es ins Kanzleramt schaffen kann. Verdutzten Journalisten prophezeite er sogar das Wahlergebnis – „ich werde mit Mitte 20 Prozent Bundeskanzler werden“. Am Ende holte er 26 Prozent. Heute wird er zum Kanzler gewählt. Es ist das Finale einer unglaublichen Steh-auf-Geschichte. Beziehungsweise die Geschichte eines Mannes, der einfach nicht fällt. Sondern steigt. Scholz ist der Extrem-Kletterer der deutschen Politik.

Die Kür zum Kanzlerkandidaten der SPD schien vor zwei Jahren zunächst in weiter Ferne: Bei der Wahl an die Parteispitze zog er den Kürzeren und musste dem unbekannten Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans den Vortritt lassen. Am nächsten Morgen ist er wie immer mit seiner Aktentasche ins Büro gekommen und hat weitergemacht – als wäre nichts passiert. Die Partei-Linke Esken hat ihm damals sogar abgesprochen, ein „aufrechter Sozialdemokrat“ zu sein. Die ultimative Beleidigung.

Scholz hat es ausgesessen, weil er überzeugt war, dass seine Zeit noch kommt und er einfach schlauer ist und die anderen mit den perfekten Argumenten an die Wand reden wird. Er habe sein Leben der Politik untergeordnet, sagt sein Biograf. „Er macht kaum etwas anderes als Politik.“ Hobbys? Leidenschaften? Unbekannt. Scholz startete seine Laufbahn allerdings vergleichsweise spät: 1958 in Osnabrück geboren und in Hamburg aufgewachsen, trat er zwar als Gymnasiast in die SPD ein. Bevor er mit 40 in den Bundestag gewählt wurde, arbeitete er als Fachanwalt für Arbeitsrecht. Er wurde Generalsekretär der SPD und später in der ersten Großen Koalition unter Angela Merkel Arbeitsminister. 2011 ging er zurück in die Landespolitik und stand dort sieben Jahre an der Spitze des Stadtstaates. Die Hamburger erlebten ihn als zugewandt und freundlich, während er in Berlin mit seiner kühlen, sachlichen und manchmal auch arroganten Art schnell den Spitznamen „Scholzomat“ bekam. Sein positives Bild in der Hansestadt bekam 2017 Risse, als es zu gewalttätigen Ausschreitungen während des G20-Gipfels kam. Als nach der Wahl 2018 die Bemühungen um eine Jamaika-Koalition scheiterten, wurde Scholz Finanzminister und Vizekanzler der GroKo.

Scholz ist vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Er hat zwei ebenfalls erfolgreiche Brüder – einer ist Chef einer IT-Firma, der andere Chefarzt. Scholz wohnt in Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam vor den Toren Berlins mit seiner Frau, der SPD-Politikerin und brandenburgischen Bildungsministerin Britta Ernst. Das Paar ist kinderlos. Sie sei es gewesen, so betonte er mehrfach, die ihn ermuntert habe, besser auf seine körperliche Fitness zu achten. Scholz ist seitdem Läufer und Ruderer.

Aber es gibt noch eine andere wichtige Frau in seinem Leben. Spätestens seit einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, bei dem er die Merkel-Raute imitierte, wurden Vorwürfe laut, er inszeniere sich zu sehr als ihr natürlicher Nachfolger – obwohl er in einer anderen Partei ist. Scholz’ und Merkels grundsätzliches Politik-Verständnis ist allerdings ähnlich. Politik als stetiges Beackern von Problemen, kein Krawall, kein Glamour, sondern Arbeitskreise.

Kurioserweise darf Merkel ihm bei der heutigen Kanzlerwahl im Bundestag nicht gratulieren. So eine Situation gab es noch nie. Aber so sind die Regeln. Zutritt haben nur gewählte Abgeordnete. Und Merkel ist keine mehr. Sie wird stattdessen auf der Besuchertribüne sitzen, während Olaf Scholz zum neunten Kanzler der Bundesrepublik gewählt wird. mit kna

Merkel darf ihm heute nicht im Plenum gratulieren

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