SPD will „rotes Jahrzehnt“

Kleine Schritte, große Träume

von Redaktion

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Die SPD ruft das „Jahrzehnt der Sozialdemokratie“ aus. Wer hätte das gedacht vor ein paar Monaten im Umfrage-Jammertal? Mit viel Zuversicht, zu viel womöglich, absolviert die SPD ihren ersten Parteitag nach der Wahl. Der nüchterne Blick auf die Lage: Olaf Scholz ist Kanzler, das ist sehr wohl eine Sensation – aber erreicht nicht allein aus eigener Stärke, sondern dank der aberwitzigen Fehlerkette der Gegenkandidaten Laschet und Baerbock.

Mit nur gut 25 Prozent ist die SPD zwar stärkste Kraft, aber findet sich in der Ampel wieder mit Partnern, die gemeinsam mehr auf die Waage bringen. Der Koalition schlägt im Volk auch keine Euphorie entgegen, sondern allenfalls ein freundliches „Sollen sie halt mal loslegen“. Daraus kann eine Grundlage für solide Arbeit werden, es ist ja schon eine viel bessere Stimmung als gegenüber der dahinsiechenden Groko – aber gleich eine rote Dekade, angelehnt an 1969 bis 1982, Brandt und Schmidt?

Da muss die SPD auch erst mal ein paar Hausaufgaben lösen. Die neue Kanzlerpartei hält sich sogar in der Stunde des Triumphs nur mühsam im Gleichgewicht zwischen Linken und Seeheimern. Das Wiederwahl-Ergebnis von Co-Chefin Saskia Esken spiegelt ein Viertel Misstrauen wider. Im Scholz-Kabinett treten Hakeleien auf, auch rund um die plötzliche Verteidigungsministerin Lambrecht. Und der Start im Pandemie-Management musste mehrfach nachgebessert werden. Rechnet man die frisch aufgebrochenen grünen Flügelkämpfe ein, ergibt das ein sehr instabiles Gebilde mitten im Sturm von Corona und Weltpolitik. Ob daraus ein sozialdemokratisches Jahrzehnt wird, ist eine interessante Frage. Näherliegend ist, ob diese neue Koalition stabil bis 2025 durchhält.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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