Wie fest sitzt Kim Jong Un im Sattel?

von Redaktion

VON DIRK GODDER

Pjöngjang – Kim Jong Un ist auch nach zehn Jahren nur schwer zu fassen. In Nordkorea gibt er sich gerne leutselig und volksnah, im Westen gilt er als eiskalter Despot eines Staates, der alle Lebensbereiche der Bürger kontrolliert. Und trotz heftiger internationaler Sanktionen hält Kim knallhart am Atomwaffenprogramm fest.

Seine Macht im stalinistisch regierten Nordkorea festigte Kim Jong Un auch durch politische Säuberungen, denen hochrangige Funktionäre samt eines Onkels zum Opfer fielen. Als er nach dem Tod seines Vaters Kim Jong Il zum Staatschef aufstieg, war er nicht einmal 30 Jahre alt – und galt sogar im Nachbarland Südkorea als weithin unbekannt. Die staatliche Propaganda-Maschinerie beschrieb ihn als „Genie der Genies“ – damit sollte er bei seinen Landsleuten über alle Zweifel erhaben sein.

Den 10. Todestag Kim Jong Ils am Freitag beging Nordkorea mit Aufrufen, dem Sohn vollständig die Treue zu halten. Doch Beobachter sehen Kims Herrschaft in einer kritischen Phase. Die Sanktionen setzen Nordkorea zu – und die Folgen der Corona-Pandemie. Schon früh hatte das ohnehin abgeschottete Land seine Grenzen wegen der Pandemie geschlossen, was sich stark auf den Handel mit China auswirkte. Seine wirtschaftlichen Ziele konnte Kim nicht einhalten, das könnte seine Autorität untergaben, glauben Beobachter. Die Preise im einheimischen Markt seien gestiegen, sagt der aus Nordkorea geflüchtete südkoreanische Abgeordnete Ji Seong Ho. „Die Hauptlast muss die Bevölkerung tragen.“ Unter jungen Nordkoreanern sei die Opposition gegen Kim ohnehin größer als zu Kim Jong Ils Zeiten.

Kim Jong Uns Handlungen werden stets vom Atomprogramm geleitet. Er habe „unmittelbar nach der Machtübernahme den Kurs auf eine aktive nukleare Entwicklung“ gelenkt, sagt der frühere südkoreanische Atomunterhändler Lee Do Hoon. Vier der bisher sechs Atomtests wurden unter Kim Jong Un durchgeführt, zuletzt im September 2017. Zudem treibt er die Entwicklung ballistischer Raketen, die atomare Sprengköpfe tragen können, voran.

Das Atomprogramm wird in vielen Teilen der Welt als Bedrohung wahrgenommen, auch von den USA, denen Pjöngjang eine feindselige Haltung vorwirft – wenngleich die drei Treffen mit Ex-Präsident Donald Trump Kim erst auf die politische Weltbühne brachten. Eine Lockerung der Sanktionen erreichte Kim Jong Un aber nicht.

Der Diplomat Thomas Schäfer glaubt, dass Sanktionserleichterungen für Kim ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen. Er verfolge „militärpolitische Ziele“, sagt der ehemalige deutsche Botschafter in Pjöngjang. Dazu gehöre ein Ende der gemeinsamen Manöver der USA und Südkoreas, „und dann der Abzug der US-Truppen“. Kim, vermutet Schäfer, sei nicht der unumschränkte Machthaber des Landes, treffe die Entscheidungen nicht allein. Die Hoffnung, unter ihm würden mehr Ressourcen für die Wirtschaft verwendet, habe sich nicht erfüllt. Aus der „Militär-zuerst-Politik“ des Vaters sei eine „Militär-zuallererst-Politik“ geworden.

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