Wolfgang Preiser ist der Mitentdecker der Virusvariante Omikron. Der Leiter der Abteilung für medizinische Virologie der Universität in Kapstadt analysiert den dramatischen Anstieg der Infektionszahlen und die weniger dramatischen Verläufe. Wir haben mit ihm gesprochen.
Wie erlebten Sie die Omikron-Welle in Südafrika?
Omikron breitet sich erstaunlich schnell aus, wirklich rasend schnell. Wir haben das im Familien-, Kollegen- und Freundeskreis gesehen. Dabei haben sich viele Menschen angesteckt, obwohl sie extrem vorsichtig waren – und geimpft. Die positive Erkenntnis ist aber: Trotz der vielen Impfdurchbrüche mussten mit Ausnahme chronisch kranker Menschen nur selten Infizierte im Krankenhaus behandelt werden.
Wie gefährlich kann Omikron für Deutschland wirklich werden?
Zwar sind hier in Südafrika knapp die Hälfte der Erwachsenen geimpft – durchaus weniger als in Deutschland. Aber weit mehr als die Hälfte der Menschen – Schätzungen zufolge 70 bis 80 Prozent – hat bereits eine Covid-Infektion durchgemacht und deswegen eine quasi natürlich erworbene Immunität. Wir haben hier in Südafrika auch gesehen, dass eine vollständige Impfung in hohem Maße Schutz gegen einen schweren Omikron-Verlauf bietet. Diese Variante ist zwar extrem ansteckend, aber vollständig geimpfte Infizierte erkranken in der Regel nicht schwer. Was mir allerdings mit Blick auf Deutschland Sorgen macht, ist das Viertel in der deutschen Bevölkerung, das geimpft werden könnte, aber noch nicht geimpft ist.
Kann die Entwicklung in Südafrika auch uns Hoffnung machen?
Die Erfahrung gibt Hoffnung, weil die Infektionszahlen und die Erkrankungszahlen von den schweren Fällen entkoppelt sind. Die dritte Welle ist hier enorm rasant zu enormen Höhen aufgelaufen, um dann ebenso schnell wieder abzuflauen. Wir hatten über Weihnachten mit viel mehr schwer kranken Omikron-Patienten gerechnet, die zum Teil beatmet werden müssen. Das ist so nicht eingetreten. Die Hospitalisierungsrate ist deutlich hinter unseren Befürchtungen zurückgeblieben. Bei uns in Südafrika macht sich eine gewisse Erleichterung breit. Ab sofort dürfen sogar Menschen mit einer Omikron-Infektion, die sich gesund fühlen und keine Symptome haben, wieder zur Arbeit gehen – natürlich unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen wie Masken.
Omikron kann Impfungen unterlaufen. Müssen wir die Impfstoffe anpassen?
Ja. Denn natürlich möchte man auch einen Impfstoff gegen die Infektion und gegen das Infektiös-Werden. Nach den Angaben der Hersteller ist die Anpassung innerhalb weniger Monate möglich.
Ist Omikron die Chance, dass wir Corona endlich hinter uns lassen – indem uns diese Variante in die Endemie führt?
Ja, das ist für mich tatsächlich die Chance. Im Moment stellt es sich so dar, dass eine weitgehend immune Bevölkerung durch Infektion oder Impfung auch ein sehr ansteckendes Virus sozusagen wegstecken kann. Man kommt mit minder schweren Erkrankungen davon. Und wenn es sich dann auch noch bewahrheitet, dass bei Omikron im Schnitt der Verlauf weniger schlimm ist als bei anderen Varianten, wäre das fantastisch. Aber Letzteres halte ich für noch nicht gesichert. Und natürlich besteht immer noch die Gefahr, dass weitere Varianten auftauchen. So ganz sind wir aus dem Gröbsten also noch nicht raus.
Was können wir aus Südafrika lernen?
Ich sehe zumindest hier ein Stadium erreicht, in dem wir versuchen, mit der Infektion zu leben. Das bedeutet aber, dass alle immun sein müssen. Die wenigen Patienten, die bei uns immer noch auf Intensivstation eingeliefert werden, sind alle tatsächlich nicht zuvor genesen und fast alle ungeimpft. Das ist furchtbar, wenn man weiß, das hätte sich vermeiden lassen.
Das Interview führten Susanne Sasse und Andreas Beez