GEORG ANASTASIADIS
Annalena Baerbock will nicht zu den Olympischen Spielen nach China reisen. Billige Symbolpolitik nennen das die zahlreichen Kritiker der neuen grünen Außenministerin. Doch eine Alternative haben auch sie nicht anzubieten. Denn wie schändlich wäre erst das andere Symbol? Chinas Führung wirft Hongkongs Demokratiebewegung ins Gefängnis, droht Taiwan mit Krieg, steckt Minderheiten in Umerziehungslager, erpresst Handelspartner der Volksrepublik – und unsere Politiker sollen in Peking brav ihren Kotau machen und als willige Claqueure das böse Treiben auch noch beklatschen?
Für Xi Jinping, den Staatschef auf Lebenszeit, wäre das der ultimative Beweis, dass es dem Westen an Charakter mangelt. Und, schlimmer: dass ihm auch der Mut fehlt, sich dem Versuch der neuen Supermacht China zu widersetzen, der Welt ihre Regeln zu diktieren. Eine solche Form des Appeasement brächte nicht nur die Region einem Krieg gegen Taiwan näher. Es würde auch Tür und Tor öffnen für ein noch rücksichtsloseres Vorgehen der roten Mandarine gegen europäische Handelspartner, die gegen unfaire Handelspraktiken aufzumucken wagen.
Ja, China ist eine ökonomische Weltmacht. Aber es braucht, um sich weiterzuentwickeln und den Wohlstand seiner Bevölkerung zu steigern, mehr als ein Bündnis mit dem technologisch rückständigen Russland. Es braucht den Handel mit dem Westen, genauso wie dieser auf den Wirtschaftsaustausch mit dem Riesenreich der Mitte angewiesen ist. Viel zu lange haben sich viele Länder Chinas Wohlwollen mit politischem Duckmäusertum zu erkaufen versucht, voran Merkels Deutschland, das als wendiger Trittbrettfahrer der Weltpolitik auf gute Geschäfte hoffte. Um China zur Einhaltung globaler zivilisatorischer und ökonomischer Standards zu bewegen, muss Europa nun klare und gemeinsame Signale an Peking senden. Ein gemeinsamer politischer Boykott der Spiele in Peking gehört dazu.
Georg.Anastasiadis@ovb.net