München – Auf den ersten Blick scheint es, als stünden die Zeichen auf Entspannung. In Deutschland sinkt die Corona-Inzidenz gerade Tag für Tag. Gestern lag sie bei 205,5, nachdem das Robert-Koch-Institut (RKI) in der Vorwoche noch einen Wert von 289 vermeldet hatte. Auch in Bayern ist die Inzidenz gefallen – zuletzt von 188,5 am Dienstag auf 172,6 am Mittwoch.
Doch Karl Lauterbach mag sich trotz des positiven Trends zum Jahreswechsel kein bisschen entspannen. Im Gegenteil: Es gebe „eine Omikron-Dynamik, die mir große Sorgen macht“, sagt der Bundesgesundheitsminister von der SPD der „Bild“. Seine Befürchtung: Im Schatten der abflauenden Delta-Welle könnte die hoch ansteckende Variante bereits viel stärker verbreitet sein, als es scheint. In Wahrheit liege die Inzidenz zwei- bis dreimal höher als in den derzeitigen Statistiken ausgewiesen, glaubt Lauterbach.
Der Grund: Über Weihnachten haben die Gesundheitsämter weniger Daten geliefert. Schon vor den Feiertagen wies das RKI darauf hin, dass um das Fest sowie zum Jahreswechsel mit einer geringeren Test- und Meldeaktivität zu rechnen sei. Deshalb könnten die ausgewiesenen Fallzahlen nur ein unvollständiges Bild der Corona-Lage in Deutschland darstellen. Gleichzeitig zeigt sich trotz der unklaren Datenbasis schon, dass die Variante, die gerade in ganz Europa auf dem Vormarsch ist, Deutschland nicht auslassen wird.
13 129 Covid-Fälle ordnet das RKI am Mittwoch Omikron zu. Das entspricht einem Zuwachs von 26 Prozent (+2686 Fälle) gegenüber dem Vortag. Von Montag auf Dienstag betrug die Steigerung sogar 45 Prozent. In Bayern sind bisher 2407 Omikron-Fälle bekannt, und somit 511 mehr als am Dienstag. Und die Zahlen dürften nachträglich noch steigen. Denn das RKI rechnet mit einer „hohen Anzahl an Neu- und Nachmeldungen“.
Der Anstieg weise relativ sicher darauf hin, dass Omikron einen immer größeren Anteil am Infektionsgeschehen in Deutschland habe, sagt der Modellierer Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität Berlin. In norddeutschen Städten wie Hamburg und Bremen spiele die Variante bereits eine große Rolle. „Es kann plötzlich ganz schnell losgehen und dann sehr stark“, betont Brockmann.
Um ein klareres Bild von der tatsächlichen Lage zu bekommen, versucht Lauterbach nun, fehlende Daten aus ganz Deutschland zusammenzutragen. Der Minister übt Druck auf die Behörden in den Landkreisen aus. Doch die Gesundheitsämter kämpfen teils mit Personalproblemen – auch in Bayern. Zuletzt zeigte eine Anfrage der Landtags-Grünen, dass derzeit im Freistaat nur noch in bestimmten Fällen eine flächendeckende Kontaktverfolgung stattfindet. Und eine mögliche Krankheitswelle könnte die Lage bald noch schwieriger machen.
Laut „Spiegel“ hat Lauterbach den Expertenrat der Bundesregierung jetzt gebeten, neue Quarantäne-Regeln zu prüfen. Bislang sollen sich mit Omikron Infizierte und deren Kontaktpersonen für 14 Tage isolieren. Das könnte zu massiven Personalausfällen auch in wichtigen Bereichen wie Rettungs- und Gesundheitswesen führen.
Von der Gesamtzahl der mit Omikron Infizierten mussten laut RKI 159 Menschen im Krankenhaus behandelt werden. Vier Menschen starben bisher im Zusammenhang mit der Vari-ante. mit dpa und afp