Berlin/München – In Schleswig-Holstein ist Omikron bereits die dominierende Virus-Variante, andere Bundesländer dürften folgen. Entsprechend steigen die Zahlen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete gestern den fünften Tag in Folge einen Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz auf 232,4. Auch in Bayern ging es leicht nach oben. 191 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner lautet die Zahl vom Montag. Wegen Meldeverzögerungen dürften die wahren Zahlen höher liegen.
In den Kliniken geht die Zahl der Corona-Patienten „im Moment noch runter“, wie Christian Karagiannidis, Leiter des Intensivregisters DIVI, gestern erklärte. Die Delta-Welle laufe aus, Omikron-Fälle gebe es in den Kliniken nur vereinzelt. Deshalb bleibe noch Zeit, sich vorzubereiten. Deutschland hinke der Entwicklung in England und Frankreich zwei bis drei Wochen hinterher. Karagiannidis fordert klare Stopp-Szenarien, die bei bestimmten Inzidenzen automatisch in Kraft treten sollen.
Die Blicke richten sich nach Berlin, wo am Freitag Bund und Länder ihre weitere Strategie abstimmen wollen. Der Expertenrat der Bundesregierung will heute vorab beraten, das RKI teilte mit, noch vor Freitag eine Empfehlung bezüglich der Isolationszeiten abgeben zu wollen.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kündigte an, es werde am Freitag „auf jeden Fall neue Beschlüsse geben“, um die Omikron-Welle nicht zu groß werden zu lassen. Dabei gehe es um eine Änderung der Quarantäneverordnung, aber auch um angemessene Kontaktbeschränkungen. Geklärt werden müsse unter anderem, inwieweit die Fristen für Menschen mit Auffrischungsimpfung geändert werden könnten. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hatte kürzlich eine Befreiung von der Quarantäne für geboosterte Kontaktpersonen ins Gespräch gebracht. Besonders relevant sind die Regeln für kritische Infrastruktur, etwa Energieversorger, Polizei, Feuerwehr und Mediziner. Andere Staaten mit hohem Omikron-Anteil wie die USA oder Großbritannien haben ihre Regeln bereits gelockert. Es sei Eile geboten, sagte Lauterbach. „Die Fallzahlen werden sehr stark steigen, und das wird dann auch viele Ungeimpfte treffen, und die sind nicht geschützt. Daher mache ich mir da große Sorgen.“
DIVI-Chef Karagiannidis forderte den Bund auf, in den nächsten sechs Monaten das Meldesystem der Gesundheitsämter völlig neu aufzubauen, um den „Blindflug“ bei den Infektionszahlen zu beenden. Der Bund müsse „extrem viel in die Digitalisierung investieren“. Sinnvoll sei insbesondere eine elektronische Patientenakte.
Unterdessen geht die Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht weiter. Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Nordrhein-Westfalens Regierungschef Hendrik Wüst (CDU), sagte gestern: „Wir brauchen diese Impfpflicht.“ Olaf Scholz habe sie, bevor er Kanzler geworden sei, für Februar avisiert. „Das Wort muss auch gelten, wenn er Kanzler ist.“
Omid Nouripour, Bewerber für den Parteivorsitz der Grünen, plädiert nun ebenfalls für eine allgemeine Impfpflicht. „Vor zwei Monaten wäre ich noch gegen eine Impfpflicht gewesen, weil ich dachte, das würde zu einer Radikalisierung führen. Das sehe ich inzwischen anders“, sagte er der Funke Mediengruppe. Der Zentralrat der Muslime (ZDM) sprach sich ebenfalls für eine Impfpflicht aus. Das rette Leben und bedeute Solidarität, sagte der Vorsitzende Aiman Mazyek.
Die Impfquote liegt laut RKI aktuell bei 71,2 Prozent der Gesamtbevölkerung, 38,9 Prozent seien geboostert. Nicht geimpft sind laut RKI 21,5 Millionen Deutsche, darunter vier Millionen Kinder bis vier Jahre, für die es noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt.