Die Wunden der Verteidiger des US-Kapitols

von Redaktion

Vor einem Jahr stürmte ein Mob das Herzstück der US-Demokratie – die Polizisten leiden bis heute

Washington – Aquilino Gonell kämpfte um sein Leben. Der Polizist stand einem wütenden Mob gegenüber und versuchte verzweifelt, die Randalierer zurückzudrängen. Es sei wie in einer „mittelalterlichen Schlacht“ gewesen, sagte Gonell später. Seine Kollegen und er hätten sich Zentimeter für Zentimeter gegen den brutalen Mob verteidigen müssen. Sie wurden geschlagen, getreten, mit Hämmern und Stöcken malträtiert, mit Chemikalien besprüht. „Ich hätte sterben können an jenem Tag. Nicht ein Mal, sondern viele Male“, erinnert sich der Beamte der Polizei des US-Kapitols.

Gonell überlebte. Doch er trug Blessuren davon, die noch immer nicht verheilt sind und vielleicht nie verschwinden werden. Das Gleiche gilt für die amerikanische Demokratie. An jenem 6. Januar 2021 geschah, was sich viele nie hätten vorstellen können: Eine fanatische Menschenmenge erstürmte den Sitz des US-Kongresses, angepeitscht von Donald Trump, dem amtierenden Präsidenten. Ein beispielloser Angriff auf das Herzstück der amerikanischen Demokratie. Der unverfrorene Versuch, ein Wahlergebnis zu kippen. Und ein kolossales Versagen des US-Sicherheitsapparates.

An jenem Mittwoch war der Kongress in Washington zusammengekommen, um den Erfolg Joe Bidens bei der Präsidentenwahl offiziell zu bestätigen. Eigentlich eine Formalie. Doch Wahlverlierer Trump sah die letzte Chance, sich gegen seine Niederlage aufzulehnen. Seine über Monate orchestrierte Kampagne, die Wahl als Betrug darzustellen, fand hier ihren Höhepunkt.

Bei einer Rede wiegelte Trump seine Anhänger auf, zum Kapitol zu marschieren und „wie der Teufel“ zu kämpfen. Danach sah er vor dem Fernseher im Weißen Haus tatenlos zu, wie seine Unterstützer den Kongresssitz stürmten, Polizisten bis zur Erschöpfung kämpften und Senatoren und Abgeordnete unter Schreibtischen kauernd um ihr Leben bangten. Fünf Menschen kamen ums Leben, darunter ein Polizeibeamter.

Gonell beschrieb Monate später mit anderen Polizisten bei einer Anhörung im Kongress unter Tränen, wie er jene Stunden erlebte: die Tritte und Schläge, die Wut der Angreifer, den Schmerz, die Todesangst. Gonell war für das US-Militär im Irak-Krieg. Doch an jenem 6. Januar habe er mehr Angst gehabt als während seines gesamten Irak-Einsatzes. „Die körperliche Gewalt, die wir erlebten, war schrecklich und verheerend.“ Und diesmal waren es Amerikaner, Mitbürger, gegen die er verzweifelt kämpfen musste.

Gonell trug Verletzungen davon: an beiden Händen, seiner linken Schulter, seinem linken Bein und dem rechten Fuß. Er musste mehrmals operiert werden. Und die Seele? Der Angriff habe bei seinen Kollegen und ihm ein bleibendes Trauma ausgelöst. Einige hätten nach dem traumatischen Erlebnis den Dienst quittiert. „Für die meisten Leute hat der 6. Januar ein paar Stunden gedauert“, sagte er. „Aber für diejenigen von uns, die mittendrin waren, hat es nie aufgehört.“

Nach dem Sturm auf das Kapitol gab es hunderte Ermittlungsverfahren und Anklagen gegen jene, die sich an der Attacke beteiligten. Parallel wurde ein Untersuchungsgremium im Repräsentantenhaus eingerichtet, um die Hintergründe aufzuklären. Inzwischen ist klar, wie viele Warnungen es im Vorfeld gab, wie viele Anzeichen ein Desaster erahnen ließen, ohne dass der Sicherheitsapparat die nötigen Vorkehrungen traf. CHRISTIANE JACKE

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