Lauterbach spielt auf Zeit

von Redaktion

VON MARC BEYER

München/Berlin – Die Zahlen kommen punktgenau. Am frühen Freitag, als das Robert-Koch-Institut (RKI) die neueste Corona-Statistik verbreitet, haben die Infektionen ein Allzeithoch erreicht. 92 223 Fälle in 24 Stunden. Das sind noch mal über 10 000 mehr als am Vortag, als es auch schon eine Höchstmarke gab. Auch die Inzidenz steigt rasant von 427,7 auf 470,6.

Dass sich nicht nur eine weitere Welle, sondern eine regelrechte Wand auftürmen würde, davor haben Virologen seit Wochen gewarnt. Nun ist es so weit. Während aber in weiten Teilen Deutschlands der Fokus auf die offenbar milderen Krankheitsverläufe bei der Omikron-Variante gelegt und das Ende der Pandemie herbeigesehnt wird, betrachten die wohl prominentesten Mahner des Landes die Kurven mit Unbehagen.

Am Freitagmittag sitzen Karl Lauterbach, Lothar Wieler und Christian Drosten in der Bundespressekonferenz. Der Gesundheitsminister verweist auf nationale Besonderheiten. Eine Untersuchung aus Kalifornien habe gerade zwar ergeben, dass die Omikron-Variante den Älteren weniger zusetze, doch diese Tendenz sei auf Deutschland nicht 1:1 übertragbar. Dafür gebe es zu viele Ungeimpfte in der Altersgruppe über 60 Jahre. Der Freitags-Wert dürfte nicht lange die Höchstmarke bleiben. Mit Blick auf viele neue Fälle und damit auch viele drohende Ausfälle in Kliniken und Laboren glaubt Lauterbach, „dass wir jetzt in ein schwieriges Fahrwasser kommen“.

Dem Trio ist es wichtig, in dieser hochsensiblen Debatte seine Botschaften so rüberzubringen, dass sie weder zu schrill klingen noch verharmlosend. „Es ist eine schwierige Zeit zum Kommunizieren“, sagt der Virologe Drosten. Vieles, was eindeutig zu sein scheine, werde missverstanden. Einerseits verlaufen Omikron-Erkrankungen tendenziell glimpflich. Andererseits sind es halt ziemlich viele. „Die Fallzahlen werden weiter steigen“, kündigt RKI-Chef Wieler an –und auch die Zahl der Todesfälle.

Blicke über die Grenzen, warnt Drosten, könnten zu falschen Schlüssen verleiten. Während in anderen Ländern das Virus seit Wochen regelrecht durch die Bevölkerung rauscht, sei man hier vor allem darum bemüht, die Dynamik einzubremsen. Aktuell scheine das zu gelingen. Lauterbach verweist auf vergleichsweise niedrige Verdopplungszahlen und hält eine Verschärfung der Regeln nicht für nötig – Lockerungen allerdings könne man „zum derzeitigen Zeitpunkt“ ebenfalls ausschließen.

Für den Minister geht es in den nächsten Wochen darum, die Omikron-Wand, die sich da aufbaue, zu einem „Hügel“ abzuflachen – oder zumindest zu einer niedrigeren Wand. Er spielt auf Zeit. Noch scheint es allen zu riskant, auf eine großflächige Ausbreitung mit anschließender Immunisierung zu setzen. Lauterbach glaubt nicht, „dass wir in Deutschland eine Durchseuchung akzeptieren können“. Das Virus müsse zwar „irgendwann laufen“, sagt auch Drosten. Zu den drei Millionen Ungeimpften über 60 Jahre kämen aber rund neun Millionen, die noch nicht die wichtige Booster-Impfung erhalten hätten. „Wir wissen nicht, ob wir uns das schon leisten können. Da sind wir ein bisschen im Blindflug.“

Entsprechend vorsichtig fällt seine Prognose aus. Drosten geht davon aus, dass eine endemische Lage, wenn die Ausbreitung des Virus deutlich heruntergebremst ist, bis Jahresende erreicht sein dürfte. Auf dem Weg dahin wird das Land um einen weiteren Impftermin nicht herumkommen. Die Immunisierung mit einem angepassten Vakzin, das im Frühjahr verfügbar sein soll und bereits bestellt ist, sei für „große Teile der Bevölkerung, vielleicht sogar alle“ unverzichtbar. Zudem wird bereits ab Februar der sogenannte Totimpfstoff der Firma Novavax verfügbar sein, der besonders Impfskeptiker ansprechen soll.

Einen ganz anderen Ansatz hat derweil der Virologe Klaus Stöhr. „Der beste Weg aus der Pandemie wäre: sich erst impfen lassen und sich dann infizieren“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. In Kombination habe man dann einen „lang anhaltenden Immunschutz“.

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