„München 1972“

Zwiespältiges Jubiläumsjahr

von Redaktion

DIRK WALTER

1972 – das ist ein denkbar schwieriges Jubiläumsjahr. Es steht wie eine Chiffre für Heiterkeit und Terror. „München 1972“ – das war zunächst der programmatische Gegenentwurf zu den Nazi-Spielen von „Berlin 1936“. Kaum besser hätte das symbolisiert werden können als durch den Chefgrafiker von „München“, den die Macher der Olympischen Spiele, Hans-Jochen Vogel und Willi Daume, ausgewählt hatten: Otl Aicher war verheiratet mit einer Schwester der NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl und das personifizierte Gegenbild zu Pathos und Militarismus, der „Berlin 1936“ umgab. Das zog sich hin bis in die Farbgebung – statt Schwarz-Rot-Gold oder gar Schwarz-Weiß-Rot dominierten in München Hellblau und Grün, Silber, Weiß und Orange. Auch das verlieh den als „heiter“ konzipierten Münchner Spielen ihr auf Leichtigkeit und Gelöstheit getrimmtes Gepräge.

Das ging eine Woche gut – dann jedoch ertränkte, wie wir alle wissen, die Blutspur des palästinensischen Terrors die „heiteren“ Spiele. Lange, viel zu lange, ist an die Opfer des Terroranschlags eher beiläufig (wenn überhaupt) erinnert worden. Der Kampf der Angehörigen um eine finanzielle Entschädigung war entwürdigend. Dass in München eine umfassende Gedenkstätte erst vor fünf Jahren errichtet worden ist, ist kein Ruhmesblatt – und dass es in Fürstenfeldbruck, wo der Anschlag endete, bis heute kein Museum gibt, ist beschämend. Aber so richtig es ist, den Terror vor 50 Jahren in diesem Jahr in den Mittelpunkt des Erinnerns zu stellen, so darf auch der Traditionsfaden der „heiteren“, demokratischen Spiele von „München 1972“ nicht vergessen werden. Müssen wir uns eigentlich daran gewöhnen, dass sportliche Großereignisse – Sotschi, Peking, Katar – häufig in Diktaturen stattfinden? „München 1972“ zeigt, wie man es besser machen könnte.

Dirk.Walter@ovb.net

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