CDU wählt Merz und vergisst Merkel

Ein Abschied ganz ohne Wehmut

von Redaktion

GEORG ANASTASIADIS

Im dritten Anlauf und 20 Jahre später ist Friedrich Merz doch noch da angekommen, wo er immer hinwollte. Dass die CDU ausgerechnet ihn, den alten Polarisierer, mit einem Traumergebnis von fast 95 Prozent ausstattete, verrät mehr über den Gemütszustand der Partei als über die Zugkraft des neuen, milde gewordenen Chefs: Die Union will nach 18 Jahren Merkel den Aufbruch, sie will ihn mit aller Macht, auch wenn sie noch nicht ganz genau weiß, wohin dieser Weg sie führt. Und sie ist bereit, ihrem neuen Anführer einen Vertrauensvorschuss zu schenken und den bitteren Lagerstreit hinter sich zu lassen.

Versuche, den Zwist neu zu entfachen, gab es vor dem Parteitag, doch sie blieben erfolglos: Merkels Absage an den CDU-Ehrenvorsitz und an ein Versöhnungsessen mit der Parteispitze quittierten die Delegierten mit einem trotzigen „Jetzt erst recht“-Ergebnis für Merz. Die CDU hat sich auf den Weg gemacht. Ihre einstige Übermutter hat sie schon vergessen. Zu spüren bekam das deren Vertraute Annette Widmann-Mauz. Die Chefin der Frauenunion schaffte als Einzige nicht den Sprung ins Präsidium. So wie die Ex-Kanzlerin mit ihrer Partei gebrochen hat, brach diese nun mit ihr. Es war ein Abschied ganz ohne Wehmut.

Ob Merz sein Lebensziel, die Kanzlerschaft, noch erreicht, oder ob er ein Vorsitzender des Übergangs bleibt, muss sich zeigen. Er hat sich vorgenommen, die Partei mit sich selbst zu versöhnen, und er ist klug genug, dafür dem alten Bild des Wirtschaftsliberalen neue Facetten hinzuzufügen, vor allem in der Sozialpolitik. Merz weiß: Am Ende werden Wahlen in der Mitte gewonnen. Dieselbe Klugheit ist auch CSU-Chef Söder zu wünschen, wenn es darum geht, Merz auch als Fraktionsvorsitzenden und damit als starken Oppositionsführer zu etablieren. Gewiss, das beschneidet Söders eigene Rolle. Doch ist dies nicht die Zeit für neue Münchner Spielchen.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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