Berlin – Es dürfte der Tag des größten Triumphs im politischen Leben von Friedrich Merz sein. Als der gelbe Balken am Samstag beim Online-Parteitag in Berlin erst bei der Zahl von 915 Delegierten stoppt, schüttelt er in einem Raum hinter der Bühne ungläubig den Kopf. 94,62 Prozent der Delegierten haben ihn im dritten Anlauf zum neuen CDU-Vorsitzenden gemacht. „Tief bewegt und beeindruckt“ sei er, bekennt Merz kurz darauf, als er die Wahl annimmt. Es scheint, als kämpfe er mit den Tränen, fast versagt kurz die Stimme. Er wolle die Arbeit jetzt „mit Kraft und Herz zugleich“ anpacken, sagt er.
Armin Laschet ist der Erste, der gratuliert. Am Pult stehen beide einträchtig nebeneinander. Der neue Vorsitzende, der die frustrierte CDU wieder aufrichten will. Und der Vorgänger, der bei der Bundestagswahl vor vier Monaten als Kanzlerkandidat gescheitert und damit nach 16 Jahren Regierung Merkel verantwortlich für den Sturz der Union in die Opposition ist.
Das Bild ist ein Symbol, so, wie die Parteitagsregie fast alle Auftritte inszeniert. Normale Delegierte kommen kaum zu Wort, es sprechen fast nur die Granden. Den 1001 Frauen und Männern daheim im Wohnzimmer soll ein Bild von Einigkeit und Versöhnung der Spitze präsentiert werden. Die Partei liegt am Boden, und jeder weiß: Die Machtkämpfe der vergangenen Jahre, nachdem Merkel 2018 den Rückzug vom Vorsitz verkündet hat, und die massiven Streitereien mit CSU-Chef Markus Söder haben viel zum mit 24,1 Prozent historisch schlechtesten Ergebnis bei einer Bundestagswahl beigetragen.
Merz hält sich nicht lange mit Dankesfloskeln auf. Gleich nach der letzten Rede von Laschet – er ist der CDU-Vorsitzende mit der bislang kürzesten Amtszeit – setzt Merz ein Zeichen, das vor allem nach innen gerichtet ist. Gut fünf Minuten lang zollt er seinem Vorgänger Anerkennung. „Wir waren im letzten Jahr ziemlich genau um diese Zeit Gegner und Wettbewerber. Eine persönliche Feindschaft ist daraus nie geworden. Im Gegenteil, wir sind seit vielen Jahren und Jahrzehnten Freunde, politische Wegbegleiter.“
Geschlossenheit, Erneuerung und Aufbruch: Mit diesem Dreiklang will Merz die Partei wieder aufrichten. Und so soll die CDU die drei Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr gewinnen, wo die CDU-Regierungschefs um die Wiederwahl kämpfen. Geht es schief, muss Merz gleich zu Beginn seiner Amtszeit die Niederlagen erklären.
Im Bund müsse die CDU als Opposition den Anspruch an sich selbst stellen, wieder die Regierung von morgen sein zu können, impft Merz seiner Partei ein. Dass das nicht einfach wird, ist ihm bewusst. „Täuschen wir uns nicht: Bis dahin kann es ein weiter Weg sein“, sagt er ernst. „Wenn wir uns streiten, wenn wir in alle Himmelsrichtungen auseinanderlaufen, wenn wir ein unklares Bild abgeben, wenn wir bei den Themen nicht auf der Höhe der Zeit sind, dann wird es möglicherweise sehr lang dauern.“
Spannend wird es, als CSU-Chef Söder von Nürnberg aus zugeschaltet ist, der nicht gerade als Merz-Fan gilt. Das 94-Prozent-Ergebnis sei schon „ein dickes Pfund“, das er selbst gerne mal gehabt hätte, sagt der Franke. „Das ist jedenfalls ein echt starker Vertrauensbeweis und eine starke Möglichkeit in der Zukunft, für die Union, für die CDU zu sprechen.“ Söder dürfte schwanen, dass sich Merz mit diesem Parteitagsvotum im Rücken nicht derart vorführen lassen wird, wie es Laschet im Bundestagswahlkampf ergangen ist.
Über den Wahlkampf 2021, den Streit und die Verwundungen, sagt Söder etwas Bemerkenswertes: Obwohl der Vorsatz gewesen sei, es zusammen zu machen, sei dies 2021 nicht so gelungen. „Es tut uns leid. Und es tut mir leid. Und es muss und wird anders werden.“