Polit-Showmaster vor dem Aus?

Ernste Zeiten, seriöse Führer

von Redaktion

ALEXANDER WEBER

Niccolo Machiavelli hätte vermutlich seine Freude an Boris Johnson gehabt. Der italienische Philosoph meinte in seinem Hauptwerk „Der Fürst“, ein Herrscher könne durchaus auch hinterlistig und lügnerisch sein, um seine eigenen politischen Ziele im Sinne des Machterhalts durchsetzen zu können. Das Buch des Italieners ist 500 Jahre alt, aber der britische Premier könnte es gelesen haben – sein affärengeladenes Gebaren der letzten Jahre passt jedenfalls wie die Faust aufs Auge.

Johnson ist nicht der einzige Spitzenpolitiker, der sich von Regeln wenig einengen lässt, wenn es seinem politischen Fortkommen dient. Man denke etwa an Donald Trump, den italienischen Polit-Egomanen Berlusconi oder den österreichischen Himmelsstürmer Sebastian Kurz. Doch die Hoch-Zeit der Polit-Showmaster scheint zu Ende zu gehen: Trump ist nur noch Ex-Präsident, Johnson droht das baldige Aus, Kurz ist bereits abgestürzt und Berlusconi versuchte vergeblich ein neues Comeback an der Spitze des italienischen Staates.

Ernste Zeiten mit Pandemie und neuer Kriegsfurcht erfordern eher ein Revival politischer Führer alten Schlages: Substanz statt Show, Überzeugung statt Umfrage-Hörigkeit, Entschlusskraft statt Tricksereien. Deutschland hatte solche Kanzler: Adenauer, Brandt, Schmidt oder Kohl. Diese heutigen ernsten Zeiten verlangen weder Selbstdarsteller noch Wegducker. Zumindest in Präsenz und Klarheit hat Scholz noch viel Luft nach oben.

Alexander.Weber@ovb.net

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