MIKE SCHIER
Das mit der Opposition muss die Union noch ein wenig üben: In Interviews, vor allem aber in den sozialen Netzwerken bekommen sich die Abgeordneten von CDU und CSU seit Tagen gar nicht mehr ein über den in der Ukraine-Frage abgetauchten, angeblich plan- und verantwortungslosen Bundeskanzler. Das schrille, gelegentlich despektierliche Gepolter will so gar nicht passen zu einer Fraktion, die 16 Jahre lang die in außenpolitischen Fragen ebenfalls öffentlichkeitsscheue Angela Merkel trug. Zum Wesen der Diplomatie gehört nun einmal auch, dass man nicht jeden Tag ein TV-Interview gibt, sondern hinter den Kulissen die richtigen Gespräche führt.
Was dort bislang passiert ist, kann kaum einer wirklich beurteilen. Auch die – in der Ukraine-Frage übrigens selbst nicht ganz sattelfeste – Union nicht. Trotzdem ist es richtig, wenn sich Olaf Scholz nun auch auf Reisen jenseits der EU begibt, allein um Moskau ein Signal westlicher Geschlossenheit zu vermitteln. Bislang hatte Scholz die Reisetätigkeit eher seiner Außenministerin Annalena Baerbock überlassen: Eine unter Genscher oder Fischer selbstverständliche Arbeitsteilung, die man zuletzt angesichts einer dominanten Kanzlerin und des blassen Außenministers Maas vergessen hatte.
Scholz ist von den Deutschen im Wahlkampf für genau jene zurückhaltende Art geschätzt worden, die man ihm jetzt zum Vorwurf macht. An den Aufgeregtheiten des politischen Betriebs beteiligt er sich nicht. Messen aber sollte man ihn an Ergebnissen: Im Verbund mit Joe Biden und dem wahlkämpfenden Emmanuel Macron muss er Wladimir Putin bremsen. Öffentliche Drohungen sollten nur Teil einer Strategie sein. Für den neuen Kanzler ist es die erste große außenpolitische Bewähungsprobe.
Mike.Schier@ovb.net