München – Gerade noch mit Helm und Schutzweste in der Ostukraine, gleich wieder im Flieger nach Nahost – aber dieser kurze Stopp muss einfach sein. Mittwochmittag, Annalena Baerbock steht an einem Berliner Rednerpult; neben ihr eine Frau, die ein halbes Aktivistinnenleben hinter sich hat. Die Außenministerin schwärmt. Sie sei sehr froh, Jennifer Morgan als ihre „neue rechte Hand zu haben“. Niemand habe mehr Klima-Expertise, niemand sei besser vernetzt. Morgan, eine „Traumbesetzung“.
Damit ist offiziell, was tags zuvor schon publik wurde: Baerbock holt die Chefin der Umweltorganisation Greenpeace ins Auswärtige Amt. Ab 1. März soll sie „Sonderbeauftragte für internationale Klimapolitik“ werden, mittelfristig dann Staatssekretärin. Aufgeregt wurde gemutmaßt, die US-Amerikanerin werde verbeamtet und dafür extra eingebürgert. Baerbock widerspricht: Die Einbürgerung laufe schon länger, die Verbeamtung sei vom Tisch.
So oder so – die Ernennung der 55-Jährigen ist ein schräger Vorgang. Der Quereinstieg, geschenkt. Dass aber eine US-Aktivistin, Chefin einer Organisation, die mit halsbrecherischen Aktionen auffällt, hauruckartig in ein zentrales Berliner Ministerium gehievt wird, ist neu. Kann so jemand überhaupt deutsche Interessen vertreten? Morgan, die seit Jahren in Berlin lebt, will Zweifel zerstreuen. Sie fühle sich „sehr geehrt durch das Vertrauen“, sagt sie in fließendem Deutsch und versichert: „Mein politisches Herz schlägt fest in Deutschland.“
Aus Baerbocks Sicht ist die Sache ein Coup, der bis zuletzt geheim blieb. Nicht mal die Ampel-Fraktionen sollen eingeweiht gewesen sein. Einige wissen denn auch noch nicht, was sie mit der Personalie anfangen sollen. Mancher rätselt, welche Aufgaben die Neue übernehmen soll.
Das wird auch am Mittwoch nicht ganz klar, obwohl Baerbock es versucht. Morgan werde als „Steuerfrau unsere Klima-Außenpolitik lenken“, sagt sie und spricht dann vom Ausbau internationaler Partnerschaften und vom Dialog mit der Zivilgesellschaft. Morgan betont, sie kämpfe seit 30 Jahren für den Planeten. Im Außenministerium könne sie nun am meisten bewegen.
Für manche klingt das verheißungsvoll, für andere wie eine Drohung. „Ich sehe die große Gefahr, dass die deutsche Klimaaußenpolitik gerade gegenüber schwierigen Partnern an Überzeugungskraft verliert, wenn sie nun mit dem Greenpeace-Label versehen ist“, sagte der CDU-Außen-Experte Jürgen Hardt. Man kann sich auch die Frage stellen, ob mit Morgan die Balance zwischen Klimapolitik und geostrategischen Interessen nicht arg zu einer Seite hin verrutscht. Nimmt man die Abhängigkeit von China oder Russland bald wieder hin, weil deren Energie- und Rohstofflieferungen wichtig für die Energiewende sind?
Besonders offen liegt aber ein anderer Vorwurf auf dem Tisch: Ausgerechnet die grünen Lobby-Bekämpfer holten sich eine Ober-Lobbyistin ins Haus. Es sei bemerkenswert, wie Baerbock „die Grenzen zwischen Staatlichkeit und Lobbyismus so leichtfertig überspringt“, sagt Hardt. Der CSU-Abgeordnete Alexander Radwan nannte die Besetzung gegenüber unserer Zeitung eine „nicht zu überbietende Dreistigkeit“. „Wir erleben den Durchmarsch der NGOs in der Regierung“, betonte er. Auch Robert Habeck habe sich etwa mit dem attac-Mitgründer Sven Giegold einen Aktivisten ins Ministerium geholt.
Baerbock lässt die Vorwürfe nicht gelten. Auch die Organisation Lobby Control, sonst stets kritisch, sieht auf Anfrage unserer Zeitung kein Problem. Es müsse „möglich sein, Fachleute von außen in die Ministerien zu holen“, hieß es. Tatsächlich sind Wechsel nicht untypisch. Als Innenminister holte Horst Seehofer (CSU) etwa den früheren BDI-Chef Markus Kerber ins Ministerium.
Vom Ampel-Partner FDP ist indes leises Zähneknirschen zu hören. Es sei ja gut, anerkannte Experten in die Regierung zu holen, sagte der bayerische Abgeordnete Daniel Föst unserer Zeitung. „Aber es muss klar sein, dass Jennifer Morgan zukünftig keine Greenpeace-Politik aus dem Auswärtigen Amt heraus macht.“ FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler kritisierte im „Handelsblatt“, Morgan sei mit „durchaus radikalen Ansichten“ aufgefallen.
Ganz ablegen will Morgan die alte Rolle nicht. Sie erwarte und begrüße künftige Greenpeace-Aktionen, sagt sie in Berlin. Wenn sie aber bald für die Regierung spreche, werde sie natürlich deren Positionen vertreten.
Auch aus der FDP kommt leise Kritik