Lage in der Welle: Den Höhepunkt der bundesweiten Omikron-Welle sehen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und RKI-Chef Lothar Wieler noch nicht erreicht. Erwartet wird dies aber noch für den Februar. Bei der Abschätzung gibt es allerdings einige Unsicherheiten. So ist in der Modellierung des RKI noch nicht die Wirkung des Omikron-Subtyps BA.2 einbezogen – sie könnte die Welle verlängern. Den derzeitigen Anteil von BA.2 bezifferte der Bioinformatiker Rolf Apweiler auf zehn bis eher 20 Prozent. Regionale Situation: In manchen Bundesländern geht der Trend bei der Sieben-Tage-Inzidenz laut RKI weiter in die Höhe, während es in anderen zuletzt rückläufige oder stagnierende Zahlen gab. Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote sagte, es könne sein, dass der Scheitelpunkt in der Hauptstadt bereits erreicht oder gar schon überschritten sei. In Oberbayern sind die Zahlen der einzelnen Kreise sehr uneinheitlich – was aber eher mit Meldeverzügen als mit dem tatsächlichen Infektionsgeschehen zu tun haben dürfte.
Tests: Seit Wochen melden Labore neue bundesweite Höchstwerte, sowohl bei der Zahl durchgeführter Tests als auch beim Anteil positiv ausgefallener Ergebnisse. In vielen Bundesländern sei bereits mehr als jede zweite von allen ausgewerteten Proben positiv, hieß es etwa vom Laborverband ALM. Die Positivrate, die bundesweit auf einen Höchstwert von rund 45 Prozent gestiegen ist, lässt darauf schließen, dass viele Infektionen derzeit nicht im Labor bestätigt werden und damit auch nicht in der offiziellen Statistik auftauchen.
Testverhalten: Fachleute schauen gespannt darauf, wie sich das Testverhalten der Menschen vor dem Hintergrund der Diskussionen über knapper werdende PCR-Testkapazitäten entwickelt. Teils sehr lange Schlangen vor Testzentren und mögliche längere Wartezeiten auf das Ergebnis für Menschen, die nicht den priorisierten Gruppen angehören, könnten gerade bei milden Verläufen zur Folge haben, dass PCR-Tests weniger in Anspruch genommen werden. Manche Menschen isolieren sich nach einem positiven Schnelltest, lassen ihre Infektion aber nicht mehr durch PCR abklären.
Krankheitsschwere: Mittlerweile zeigt sich auch in Deutschland: „Der Anteil der Menschen, die schwer an Omikron erkranken, ist geringer als bei Delta“, sagt Wieler. Der Anteil der Ungeimpften, die mit Corona-Infektion in ein Krankenhaus kamen, sei bei Delta insgesamt fast doppelt so hoch wie bei Omikron. Aber: „Unsere Daten zeigen ein deutlich höheres Risiko für eine Erkrankung bei Ungeimpften.“
Alter: Entwarnung bei der Kliniklage geben Fachleute und Politik auch deshalb noch nicht, weil sich bisher vor allem jüngere Menschen mit Sars-CoV-2 infizieren. Bei den Älteren gehen die Werte erst allmählich hoch. Auf Intensivstationen scheint sich inzwischen eine Trendumkehr hin zu einem Wiederanstieg der Patientenzahl anzudeuten – beispielsweise im Klinikum Erding. Die Zahl der Todesfälle sei im Moment rückläufig, könne aber wieder ansteigen, sagte Wieler. Gerade in der Gruppe ab 60 Jahren sind in Deutschland mehr Menschen ungeimpft als in anderen Ländern.
Lockerungen: Ursprünglich wollte Karl Lauterbach wegen der drohenden Überlastung des Gesundheitssystems nicht lockern – jetzt ändert er seine Argumentation. Öffnungsschritte könnten dazu führen, dass sich die Welle länger hinziehe, warnt der Gesundheitsminister. Und: „Es gibt täglich 100 bis 150 Tote. Das ist viel zu viel.“